Meldung

Umgang mit funktionalem Analphabetismus in Unternehmen

23.10.2014

Stiftung Lesen stellte Ergebnisse der SAPfA-Studie vor




© Stiftung Lesen
© Stiftung Lesen
In Deutschland leben 7,5 Millionen erwachsene Menschen, die trotz Schulbesuchs nicht richtig lesen und schreiben können. Mehr als die Hälfte von ihnen ist erwerbstätig. Eine aktuelle Studie der Stiftung Lesen zeigt, dass viele Betroffenen entgegen der gängigen Auffassung offen damit umgehen: Kollegen und Arbeitgeber wissen häufig von funktionalen Analphabeten in ihrem Umfeld. Die Stiftung Lesen stellte in Bonn Eckpunkte der Studie „Sensibilisierung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern für das Problem des funktionalen Analphabetismus in Unternehmen“ (SAPfA) im Rahmen des Förderschwerpunkts „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vor. Der weitgehend offene und unkomplizierte Umgang mit funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten bietet aus Sicht der Experten Chancen für zukünftige Maßnahmen im Bereich der arbeitsplatzorientierten Grundbildung, zeigt aber auch klare Grenzen.

Sabine Uehlein, Geschäftsführerin Programme und Projekte der Stiftung Lesen, betont: „Mangelnde Lesefähigkeit stellt die Betroffenen vor große Herausforderungen, ihren Alltag zu bewältigen und sich für einen Beruf zu qualifizieren. Wenn es uns nicht gelingt, niedrig qualifizierten Menschen bessere Bildungschancen und Perspektiven zur Teilhabe am sozialen und beruflichen Leben zu ermöglichen, hat das Folgen für die Wirtschaft, den Sozialstaat und damit die gesamte Gesellschaft. Alphabetisierung ist damit eine dringende Aufgabe, an der alle mitwirken müssen.“

Die SAPfA-Studie der Stiftung Lesen untersucht erstmals aus Sicht des beruflichen Umfeldes die Situation funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten am Arbeitsplatz, das Klima unter Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzten sowie Ansatzpunkte, wie in Unternehmen für das Problem sensibilisiert werden kann. Mit Hilfe der Studienergebnisse sollen langfristige und nachhaltige Lösungen entwickelt werden, wie im betrieblichen Umfeld das Problem des funktionalen Analphabetismus bewältigt werden kann. Im Mittelpunkt der Studie stehen Beschäftigte in Branchen und Tätigkeitsfeldern, in denen der Anteil funktionaler Analphabeten überdurchschnittlich hoch ist, zum Beispiel im Baugewerbe, in der Gastronomie oder der Gebäudereinigung.

Die Untersuchung hat gezeigt, dass funktionaler Analphabetismus am Arbeitsplatz kein verstecktes Phänomen ist: 34 Prozent der befragten Arbeitnehmer/-innen und 42 Prozent der befragten Arbeitgeber/-innen gaben an, einen oder mehrere Mitarbeiter/-innen zu kennen, die nicht oder nur schlecht lesen und schreiben können. Dementsprechend greifen sie auf Hilfsmechanismen zurück, um den Betroffenen das Lesen oder Schreiben abzunehmen, mögliche Fehler zu vermeiden und die Arbeit effizienter zu gestalten. Das kann Unterstützung beim Verstehen schriftlicher Anweisungen genauso sein wie festgelegte Farbkodierungen auf Putzmitteln. Mit Erfolg: Betriebe, in denen offen mit funktionalem Analphabetismus umgegangen wird, berichten weniger von Folgeproblemen in Form von Mehrarbeit zum Ausgleich von Fehlern oder finanziellen Belastungen als Betriebe, in denen die Betroffenen versuchen, ihre Defizite zu verheimlichen.

Dr. Simone C. Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen: „Unsere Studie zeigt, dass Analphabetismus am Arbeitsplatz kein echtes Tabu ist und Betroffene nicht diskriminiert werden. Auch sind viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber der Meinung, dass das Problem nachhaltig angegangen werden sollte. Allerdings werden in der Praxis oft nur die Symptome kuriert.“

Die Gründe dafür sind vielschichtig: Der Leidensdruck der Betroffenen scheint geringer zu sein, als bisher vermutet. Die Hilfsmechanismen wirken oftmals so gut, dass ein Großteil der Befragten keine Notwendigkeit sieht, dass Arbeitnehmer/-innen in bestimmten Branchen über umfassende Lesekenntnisse verfügen müssen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie der Universität Hamburg zum Umfeld von funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten: Viele der sogenannten „Mitwisser“ haben das Gefühl, dass die Betroffenen im Alltag gut zurechtkommen. Diese Haltung steht nachhaltigen und umfassenden Alphabetisierungsmaßnahmen häufig entgegen.

Jedoch zeigt die SAPfA-Studie der Stiftung Lesen auch Potenziale für Alphabetisierung am Arbeitsplatz: Jeder zweite Arbeitgeber ist der Ansicht, dass das berufliche Umfeld mit in der Verantwortung für Alphabetisierungsmaßnahmen steht, rund jeder vierte Arbeitgeber signalisiert die Bereitschaft, in Alphabetisierungsmaßnahmen zu investieren – entweder finanziell oder in Form von Freistellung von der Arbeit. Diese Haltung bestätigen auch Erfahrungen aus der Praxis, etwa aus dem SESAM-Projekt in Nordrhein-Westfalen, in dem konkret Grundbildungsmaßnahmen im beruflichen Umfeld umgesetzt werden.

Aus den gemeinsamen Erfahrungen und Erkenntnissen ergeben sich aus Sicht der Expertinnen und Experten des Förderschwerpunkts „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ zahlreiche Ansätze für die Praxis. So ist eine weitere Verzahnung von Maßnahmen, die sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld der Betroffenen ansetzen, wünschenswert. Zusätzliche Angebote, die kurzfristigen Erfolg und Nutzen bieten, können die zeitliche und finanzielle Hemmschwelle, Alphabetisierungsangebote wahrzunehmen, senken. Eine weitere Aufgabe zukünftiger berufsorientierter Maßnahmen besteht darin, den Nutzen und Mehrwert von Alphabetisierungsangeboten sowohl den Betroffenen als auch Arbeitgebern und Kollegen noch deutlicher zu machen – gegebenenfalls durch die gleichzeitige Vermittlung anderer fehlender Grundkompetenzen.
Weitere Informationen über Ergebnisse der SAPfA-Studie unter: www.stiftunglesen.de

Kontakte:
Dr. Simone C. Ehmig
Institut für Lese- und Medienforschung
Römerwall 40
55131 Mainz
Tel.: (06131) 25041-101
E-Mail: simone.ehmig@stiftunglesen.de

Stiftung Lesen
Esther Dopheide
Pressesprecherin
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