Bericht

Literacy-Erziehung in der frühen Kindheit

30.06.2014

Auf den Anfang kommt es an




© S. Piper
© S. Piper
Regina Pantos, ehemalige Studienrektorin an der 1. Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik Berlin, leitete im März 2014 auf der Leipziger Buchmesse das Symposium des Arbeitskreises für Jugendliteratur Wort – Bild – Schrift. Was heißt „Literacy“ und wie wird sie in der frühen Kindheit erworben? Der folgende Beitrag basiert auf ihrem Eröffnungsvortrag, der zusammen mit den Beiträgen der Referentinnen Prof. Dr. Bettina Kümmerling-Meibauer, Sylvia Näger und Prof. Dr. Natascha Naujok in der AKJ-Zeitschrift JuLit 2/2014 veröffentlicht wurde.

Auf den Anfang kommt es an
Worum geht es bei Literacy? Wir verwenden den angelsächsischen Begriff, weil es im Deutschen keinen adäquaten Begriff gibt, der den Erwerb von Kompetenzen rund um Erzähl-, Buch-, Bild- und Schriftkultur angemessen wiedergibt. Die Autorinnen der Beiträge in JuLit 2/2014 gehen auf diesen Prozess ein und berichten über Theorie und Praxis der Literacy-Erziehung. Ich möchte einleitend auf einige Aspekte hinweisen, die die gesellschaftlichen und beruflichen Rahmenbedingungen betreffen, unter denen Literacy-Erziehung stattfindet.

Ich denke, dass hinter dem großen Interesse an Literacy zwei Erkenntnisse stehen:
  • Die PISA-Studien haben seit dem Jahr 2000 nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass es offensichtlich Mängel bei der Lesekompetenz vieler Kinder und Jugendlicher gibt und dass Sprach- und Lesekompetenz nicht vom Himmel fallen, sondern in einem strukturierten Prozess, der sinnvoll begleitet werden muss, erworben werden.
  • Die Gehirnforschung hat uns gezeigt, dass die Weichen für den Erwerb dieser Kompetenzen bereits lange vor dem Schuleintritt gestellt werden und zwar im Elternhaus und in der Kindertagesstätte. Auch für die Literacy-Erziehung gilt: Auf den Anfang kommt es an!
Beide Erkenntnisse sind weder neu noch überraschend, da sie mit unseren Erfahrungen aus der täglichen Arbeit im pädagogischen Bereich übereinstimmen. Aber erst die wissenschaftlichen Belege und die daraus resultierende Diskussion über die Folgen für unsere Gesellschaft haben dazu geführt, dass auch auf der politischen Ebene über Ursachen und Konsequenzen nachgedacht wurde. Die Folge war erst einmal: Eine Sprachstandsmessung jagte die nächste. Sinnvolle Konsequenzen für die Förderung wurden zumeist allerdings nicht gezogen. Prof. Dr. Wassilios Fthenakis, der 30 Jahre das Bayerische Staatsinstitut für Frühpädagogik leitete, brachte das in einer Veranstaltung einmal so auf den Punkt: „Das Schwein wird nicht vom Wiegen fett, sondern vom Füttern.“ Es kommt also auf die Qualität des Futters, in unserem Fall auf die Qualität der Förderung an. Aber auch darauf, wann diese Förderung beginnt und unter welchen Bedingungen sie stattfindet.

Staatlicherseits wurden inzwischen verschiedene Förder-Programme auf den Weg gebracht. Unter dem Titel „Frühe Chancen: Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration“ wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein 400 Millionen Euro teures Programm zur Sprachförderung und Integration aufgelegt. Die Förderung läuft allerdings Ende 2014 aus.

Verbunden mit diesem Programm gibt es auch eines zur Elternförderung. Unter dem Titel „Elternchance ist Kinderchance“ sollen bis Ende 2014 4.000 Fachkräfte zu „Elternbegleitern“ durch freie Träger der Wohlfahrtspflege ausgebildet werden. Ihre Arbeit ist an die Projekt-Kitas angebunden. Ziel dieses Programms ist laut Bundesministerium:
„Um die Bildungschancen von Kindern insbesondere aus bildungsfernen und aus benachteiligten Elternhäusern zu verbessern, bedarf es neben der Förderung in öffentlicher Verantwortung der Stärkung der Elternkompetenz und -verantwortung. Bildungsprozesse gelingen nur mit den Eltern, wobei gerade bildungsferne Eltern auf den herkömmlichen Wegen der Elternansprache durch die Institutionen nur schwer erreicht werden. Die Eltern- und Familienbildung kann insbesondere durch aufsuchende Elternarbeit einen Zugang zu Familien bieten.“

Profitieren von den Programmen können 8% der Kitas. (E&W 3/2014, S. 42) Unter diesem Aspekt ist es also ein Tropfen auf den heißen Stein. Offen ist außerdem die Frage, ob das Programm erfolgreich war und wie es weitergehen wird. Diese Frage ist umso brennender, weil der Ausbau der Krippenplätze und der Rechtsanspruch auf einen Krippen- und Kitabesuch eine Menge weiterer Probleme öffentlich gemacht haben. Deutlich wurde, dass der quantitative Ausbau der
Plätze nur auf Kosten der Qualität zu haben ist. Denn es fehlen die Erzieherinnen.

Sicher ist die sächliche Ausstattung der Kita wichtig für die Arbeit. Nach meiner Erfahrung steht und fällt die Qualität der Bildung und Betreuung in der Kita aber ganz wesentlich mit der Kompetenz der Erzieherinnen. Ich benutze hier nur die weibliche Form, weil 97% der ca. 500.000 Beschäftigten in diesem Bereich Frauen sind. (E&W 3/2014, S. 8) Um den Anteil an Männern im Erzieherberuf zu erhöhen, lief drei Jahre ein Modellprogramm „MEHR Männer in Kitas“,
das mit 13 Millionen Euro aus Mitteln des Familienministeriums und des Europäischen Sozialfonds gefördert wurde. 16 Modellprojekte in 13 Bundesländern entwickelten Ideen und Konzepte, um die Männer in die Kita zu locken. Der Erfolg war nicht überwältigend. Beim Abschluss des Projektes am 9. Oktober 2013 sagte der zuständige Staatssekretär Lutz Stroppe in der Presseerklärung: „Insgesamt wollen wir die Qualität von Betreuung, Erziehung und Bildung in den Kitas verbessern. Dazu müssen wir den Erzieherberuf aufwerten – von der Ausbildung über Qualifizierungsmöglichkeiten bis zur Vergütung.“

Und bei der Vergütung liegt auch der Hase im Pfeffer. Da lag er übrigens schon 1971, als ich mit der Ausbildung von Erzieherinnen in West-Berlin anfing. Damals genoss der Beruf unter jungen Männern aus politischen Gründen jedoch ein gewisses Ansehen. Sie wollten durch Erziehung die Welt verändern. Dies kompensierte die schlechte Bezahlung und ließ sie in großer Zahl in die Ausbildung gehen. Seit Mitte der 1980er Jahre ging es dann aber mit den männlichen Bewerbern wieder bergab. Andere Berufe versprachen höheres Prestige und mehr Geld.

Die Erzieherinnen haben immer mit großem Engagement für verbesserte Arbeitsbedingungen und eine bessere Bezahlung gekämpft. Sie haben mit elf Wochen 1990 den längsten Streik in der Geschichte des Landes Berlin geführt. Und das heißt bei Erzieherinnen, dass sie an zwei Fronten kämpfen müssen: auf der einen Seite die Arbeitgeber, auf der anderen die Eltern. Sie haben damals ihr Ziel, anerkannte Vor- und Nachbereitungszeiten zu erhalten, nicht erreicht. Ich hoffe, dass die Erzieherinnen mit ihren Forderungen vermehrt Gehör finden und statt des Argumentes „Die Kassen sind leider leer“ einmal von Arbeitgeberseite gesagt wird: „Eure Forderungen sind berechtigt und haben jetzt Vorrang!“ Denn: „Motivierte und qualifizierte Fachkräfte sind der Schlüssel zu guter Qualität in der frühkindlichen Förderung.“ So Staatssekretär Stroppe in besagter Presseerklärung.

Die Anforderungen an die Erzieherinnen sind in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden. Kein Arbeitsfeld wird mit so vielen neuen Anforderungen und hohen Erwartungen konfrontiert. Alle Bundesländer entwickelten Bildungspläne für den Kindergarten. Die Erzieherinnen sind verpflichtet, den Bildungsverlauf
der Kinder zu dokumentieren. Sprachförderung, Integration und jetzt auch Inklusion, sind nur einige Stichworte. Eltern sollen und wollen auch in den Bildungsprozess der Kinder einbezogen werden. Die erhöhten Anforderungen sollten in der Aus- und Fortbildung berücksichtigt werden. Ansätze, das Ausbildungsniveau auf Hochschulebene anzusiedeln, sind vorhanden. Aber die Regel ist immer noch die Fachschulausbildung, die in den letzten Jahren mit immer neuen Lehr- und Lernmodellen konfrontiert wurde. Aber selbst die Fachschulausbildung wird gegenwärtig von einer ständig wachsenden Zahl von Ausbildungsmöglichkeiten unterlaufen, um den akuten Erzieherinnenmangel zu vertuschen. Das alles führt nicht zu einer Aufwertung des Berufes, sondern arbeitet denen in die Hände, die immer schon der Meinung waren: Erziehen? Das kann doch jeder!

In der Tat, jeder tut es. Ob er oder sie es aber mit der nötigen Kompetenz und damit zum Segen des Kindes tut, hängt stark von der Ausbildung und den Rahmenbedingungen in der Praxis ab.

Was hat das mit unserem Thema „Literacy“ zu tun? – Ich denke, eine ganze Menge. Um nur einige Beispiele zu nennen:
  • Eine gute Literacy-Erziehung setzt voraus, dass man sich mit der Sprachentwicklung des Kindes auskennt und das Kind auf dem Weg in die Sprache mit adäquatem Feedback unterstützt. Dazu müssen Eltern und Erzieherinnen Wissen erwerben und Zeit haben, die Kinder zu beobachten, ihnen zuzuhören und ihnen Impulse geben, die ihre Sprachproduktion unterstützen. Das gelingt in der Kita nur, wenn genügend Zeit und qualifiziertes Personal vorhanden ist.
  • Kinder lernen im Erzählen narrative Strukturen kennen. Erzählen will gelernt sein und erfordert eine entspannte Atmosphäre. Das Vorbild der erzählenden Erzieherin spielt eine große Rolle dabei. Unter Zeitdruck und mit einer zu großen Gruppe funktioniert es nicht.
  • Um Kinder angemessen in die Welt der Medien zu begleiten, müssen sich Eltern und Erzieher mit dem Angebot an Medien auskennen. Sie müssen sich informieren und altersgerecht auswählen. Sie müssen beobachten, wie Kinder damit umgehen und sie in ihrem Lernprozess unterstützen. Das gelingt nur, wenn die Mittel, genügend Zeit und qualifiziertes Personal vorhanden sind.
  • Um die Neugier der Kinder auf die Schrift zu befriedigen, sind phantasievolle Anregungen gefragt, von der Suppe mit Buchstabennudeln bis zum Knöpfe-Alphabet. Anrechenbare Vorbereitungszeit ist kein Luxus, denn manches muss ohne die Kinder vorbereitet und mit den Kolleginnen besprochen werden.
  • Der Weg zur Literacy-Kompetenz gestaltet sich bei jedem Kind anders. Er hängt eng mit der Kultur der Herkunftsfamilie zusammen. So sieht er bei einem einsprachigen Kind anders aus als bei einem mehrsprachigen. Die Erzieherin muss über die Familiensituation und das Sprachverhalten in der Familie informiert sein, um das Kind individuell fördern zu können. Dafür ist Zeit für Elternkontakte notwendig. Denn auch die Eltern sollten ihren Teil zur Literacy-Erziehung beitragen können.
Neben den Eltern und Erziehern sind noch viele andere Akteure an der Literacy-Erziehung beteiligt. Für die Jüngsten z.B. die Aktion Lesestart der Stiftung Lesen, die sich an die Eltern wendet. Auch Bibliotheken machen Angebote für Kindergärten und Schulen. Lesepaten und Leseclubs sowie Programme im Internet wie Antolin oder Pisakids wollen Schulanfängern spielerisch helfen, ihre Literacy-Erfahrungen zu erweitern.

Über die Autorin
Regina Pantos war Studienrektorin an der 1.Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik Berlin und dort Fachbereichsleiterin für Kinder- und Jugendliteratur, Sprache und Theater. Dieser Beitrag basiert auf ihrem Eröffnungsvortrag zu dem von ihr geleiteten Symposium Wort – Bild – Schrift. Was heißt „Literacy“ und wie wird sie in der frühen Kindheit erworben? im März 2014 auf der Leipziger Buchmesse.

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