Bericht

Lese- und Schreibkurse hinter Gittern

14.02.2014

Alphabetisierung in der JVA Münster




Lese-Workshop in der JVA Münster
Lese-Workshop in der JVA Münster
© BVAG e.V.
Seit fünf Jahren gehen sie zweimal in der Woche ins Gefängnis – und das freiwillig. Sandra Mierich, Tim Henning und Tim Tjettmers machen das gerne. Mittlerweile haben sie bereits über einhundert Gefangene erreicht und ihnen in einem elementaren Bereich geholfen. Sie unterrichten ehrenamtlich Strafgefangene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten, sogenannte funktionale Analphabeten.
Funktionaler Analphabetismus ist jedoch kein knastspezifisches Thema. In Deutschland leben 7,5 Millionen Erwachsene - 14,5 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung, die große Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben. Ihnen fällt es schwer, Verträge zu lesen und zu verstehen, Bewerbungen zu schreiben oder sich an fremden Orten zu orientieren. Aus Scham vermeiden sie Situationen, in denen sie lesen und schreiben müssen - dies hat direkten Einfluss auf den beruflichen und privaten Alltag.

Der Lese-Workshop bietet Hilfe
Im Strafvollzug ist es besonders schwierig, seine Lese- und Schreibprobleme zu verheimlichen: Man lebt auf engstem Raum zusammen. Anträge für Besuche, Gespräche, medizinische Untersuchungen und sportliche Aktivitäten müssen von den Strafgefangenen per Antrag schriftlich eingereicht werden. Gefangene mit schriftsprachlichen Schwierigkeiten sind immer wieder der Situation ausgesetzt, einen fehlerhaften, schwer leserlichen Antrag abzugeben. Alternativ begeben sie sich in die Abhängigkeit ihrer Zellennachbarn, die ihnen den Antrag ausfüllen.

„Im Lese-Workshop finden sie Hilfe, die auch auf die Zeit nach der Haft vorbereitet“, so Maria Look, Leiterin der Justizvollzugsanstalt Münster. „Nicht nur im Gefängnis, auch nach der Haft erwarten die Gefangenen viele Aufgaben: Eine Arbeit finden, eine Wohnung. Lesen und Schreiben spielen auch für die Resozialisierung eine bedeutende Rolle! Deshalb finde ich das Angebot so wichtig!“

Viele Strafentlassene rutschen direkt in die Arbeitslosigkeit. Ein Beschäftigungsverhältnis nach Haftende reduziert das Risiko einer Rückfälligkeit deutlich. Doch aufgrund der fehlenden schulischen und beruflichen Qualifikationen sowie einer länger anhaltenden Arbeitslosigkeit sind die Vermittlungschancen von Strafentlassenen sehr gering. Insbesondere funktionale Analphabeten sind benachteiligt, da ihnen die für die Berufswelt notwendigen grundlegenden schriftsprachlichen Kompetenzen fehlen.

Alphabetisierung im Strafvollzug ist oft eine Herausforderung!
Justizvollzugsanstalten gehörten zu den ersten Einrichtungen, die Ende der 1970er Jahre in Deutschland Alphabetisierungskurse eingerichtet haben, doch nicht jede Strafanstalt besitzt ein entsprechendes Angebot.
Vor den Erfahrungen des Lese-Workshops entstand die Idee eines bundesweiten Projekts. Tim Tjettmers, RAUS-Projekteiter, erläutert: „Wir wollen die Lese- und Schreibförderung im Strafvollzug nachhaltig unterstützen, indem wir Bedarfe und Bedingungen ermitteln, knastspezifische Angebote und Produkte erstellen und Vollzugsanstalten für das Thema sensibilisieren.“ Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung, fügt hinzu: „Wir pflegen seit vielen Jahren eine sehr gute Zusammenarbeit mit der JVA Münster und freuen uns, dass wir uns gemeinsam dieser wichtigen Aufgabe stellen können!"

Das Projekt RAUS
Am 01.08.2012 startete das Projekt RAUS - Resozialisierung durch Alphabetisierung und Übergangsmanagement für Straffällige. Es wird bis Juni 2015 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Das Projekt des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. schafft Perspektiven für Lernende und Lehrende im Strafvollzug, ermittelt Bedarfe und Bedingungen der Alphabetisierung von Straffälligen und entwickelt und erprobt zusammen mit fünf Modellstandorten Konzepte zur Alphabetisierung, zur Ansprache und zur Motivation von Betroffenen. Darüber hinaus werden im Rahmen des Projekts Lehr- und Lernmaterialien sowie Diagnostikempfehlungen erarbeitet und in einem Online-Pool unter www.raus-blick.de kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Projektmitarbeiter bieten Beratung und Information zum Thema Alphabetisierung sowie Weiterbildungen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus den Bereichen Justiz, Straffälligenhilfe und Übergangsmanagement an.

Kontakt:
Tim Tjettmers
Projektleiter RAUS
Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.
Berliner Platz 8-10
48143 Münster
Tel.: (0251) 490996-41
E-Mail: t.tjettmers@alphabetisierung.de
Internet: www.raus-blick.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de