Bericht

Die Schreibwerkstatt der Internationalen Jugendbibliothek

08.11.2013

Ein anregendes Forum für junge Autorinnen und Autoren




Schreibübung „Bahnhofsbegegnung“
Schreibübung „Bahnhofsbegegnung“
© Internationale Jugendbibliothek
Im Januar 2012 startete an der Internationalen Jugendbibliothek eine Schreibwerkstatt für junge Autorinnen und Autoren, die sich inzwischen zu einer festen Einrichtung für eine Gruppe ambitionierter und talentierter Jugendlicher und junger Erwachsener entwickelt hat. Sie schreiben über Sehnsucht und Identität, über das Meer und über Abbruchhäuser, erzählen von Tagen, nach denen nichts mehr ist, wie es war, schildern Familienszenen, Alltagsmomente und knisternde Begegnungen, erfinden Anderswelten und erforschen Erinnerungen. Sie feilen an Worten und Sätzen, suchen nach Sprachrhythmen und stimmigen Bildern. Im folgenden Artikel beschreibt die Leiterein der Schreibwerkstatt, die Übersetzerin und Lektorin Beate Schäfer, wie es gelungen ist, die einsame Tätigkeit des Schreibens in einen konstruktiven und anregenden Kontext zu stellen.

„All writing is a gift.“ Diesen Satz lässt der britische Romanautor Aidan Chambers seine jugendliche Heldin Cordelia Kenn in ihr Tagebuch schreiben. Er ist Leitmotiv der Schreibwerkstatt für junge Autorinnen und Autoren, die 2012 von der Internationalen Jugendbibliothek ins Leben gerufen wurde.

Cordelia mag eine erfundene Figur sein, steht aber für eine nicht geringe Zahl junger Leute, in deren Leben die Arbeit an eigenen literarischen Texten eine zentrale Rolle spielt. Sie ist – genau wie viele Werkstattteilnehmende – nicht nur begabt, sondern auch mit einer gehörigen Portion Neugier, Selbstvertrauen und Wagemut ausgestattet, dazu mit Eigensinn, einem starken Willen und der nötigen Beharrlichkeit. All dies und noch viel mehr ist nötig, damit sich aus dem Geschenk einer Begabung und der puren Lust am Schreiben echte, nachhaltige Schreibtalente herausbilden können. Solche Talente zu fördern und in ihrer Entwicklung über einen längeren Zeitraum hinweg zu unterstützen, ist Anliegen der vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst unterstützten Werkstatt, deren Leitung ich im Januar 2012 übernommen habe. Einmal im Monat treffen wir uns nach Ende der offiziellen Öffnungszeiten in den Räumen der Kinderbibliothek und haben dort, umgeben von Büchern, unseren festen Ort für die große Runde und dazu genug Platz zum Ausschwärmen, sei es für den Austausch zu zweit und in kleinen Gruppen oder für die vertiefte individuelle Schreibarbeit. Drei Stunden Zeit pro Termin waren ursprünglich geplant – ein Zeitraum, der nie reicht für alles, was wir miteinander bereden, vorlesen und diskutieren wollen. Inoffiziell dauern die Abende nun eher vier Stunden, danach wird manchmal auf der gemeinsamen Busfahrt zur S-Bahn nach Pasing noch vorgelesen und weitergeredet. Gelegentlich verbringen wir am Wochenende auch einen ganzen Tag gemeinsam, mit Raum für anregende Schreib- und Wahrnehmungsexpeditionen und vertiefte Gespräche.

Wenn ich schreibe, liegt mir ein Gedanke im Kopf, frei und leicht, lächelt mich mit verschmitztem Gesicht an. Dann sitze ich vor dem weißen Papier oder Laptop oder im Geographieunterricht mit dem Kugelschreiber in der Hand. Und dann schreibe ich nichts. Schreibe nichts, umstreiche den Gedanken, spiele mit ihm, ohne ihn zu berühren, wage nicht, die Hand nach ihm auszustrecken. Denn dann könnte er weg sein, einfach weg. Ein Griff und der Gedanke zappelt in meiner Hand. Ich schüttel ihn, schüttel Buchstaben aus ihm raus, auf das Papier. Schwarz, kantig, fetzchenweise oder auch zusammenhängend. Schieb sie rum, lösch sie, schreib welche dazu, kann nicht beurteilen, ob sie gut sind oder nicht. Aber vielleicht habe ich Glück und die Worte waren richtig. Eine zweite Chance werde ich nicht bekommen.
Sophia Klink


Auch zwischen den Treffen läuft der Austausch immer wieder auf Hochtouren: Per Mail, in der eigenen Facebook-Guppe und in einem Internet-Forum werden Texte verschickt und diskutiert, stilistische und erzähltechnische Fragen in die Runde geworfen, man hilft einander bei Blockaden und anderen Krisen und blödelt auch mal freundschaftlich herum. Die Möglichkeit, sich unter Gleichgesinnten über das Schreiben auszutauschen, wird von allen sehr geschätzt. Die Kontakte untereinander haben sich mit der Zeit intensiviert, es sind Freundschaften entstanden, und es gibt gemeinsame Projekte und Unternehmungen, die weit über die eigentliche Werkstatt hinausreichen. Zwölf Jugendliche mit ausgeprägten Schreibambitionen wurden ausgewählt, um an der Werkstatt teilzunehmen. Die Mitglieder der Gruppe sind zwischen 16 und 20 Jahre alt, die meisten waren von Anfang an dabei. Sie verfassen Kurzgeschichten und literarische Erzählungen, humoristische Texte, wuchtige Fantasy-Epen und harte Thriller, realistisch erzählte Gegenwartsromane, autobiografisch inspirierte Momentaufnahmen, lyrische Texte und vieles mehr. Alle mussten sich zuvor mit einem kurzen Motivationsschreiben und einem Textauszug um die Teilnahme bewerben und wurden eigens für die Gruppe ausgewählt. Neue Mitglieder kommen dazu, wenn alte ausscheiden oder nur noch unregelmäßig teilnehmen können, sei es wegen des Studienbeginns in einer anderen Stadt oder weil die Zeit für ein aktives Mitmachen wegen anderer Verpflichtungen und Interessen nicht mehr ausreicht. So schmerzlich ein solcher Abschied oft sein mag, er öffnet Raum für Neues.

Ein idealtypisches Treffen beginnt mit einer Leserunde: Was habt ihr aus der Schreibanregung vom letzten Mal gemacht? Der Reihe nach wird vorgelesen und besprochen, mal werden dabei eher allgemeine Eindrücke gesammelt und die Wirkung des Vorgelesenen zurückgespiegelt, mal werden ausgewählte Texte detaillierter analysiert. Immer erstaunt und begeistert die Vielfalt der Stimmen und Ansätze. Danach steht in der Regel das persönliche Schreibprojekt einer einzelnen Teilnehmerin im Zentrum: Das Projekt und sein bisheriger Stand werden vorgestellt und besprochen, ein Textauszug wird näher diskutiert. Es kann dabei um das Herantasten an ein umfangreicheres Werk gehen, für das es bisher nur erste Ideen und Textskizzen gibt, es können auch weiter fortgeschrittene Romane oder einzelne Geschichten besprochen werden. Deutlich seltener geht es um Gedichte.

Aus der (für mich überraschenden) Wahrnehmung heraus, dass die lyrische Verdichtung vielen der jungen Schreibenden nicht so sehr liegt, ist ein Gruppenprojekt entstanden: Unter dem Motto „Aus Lyrik mach Prosa, aus Prosa mach Lyrik“ werden eigene Texte an andere weitergereicht, in gegenseitiger Inspiration und in schönstem Wechsel von Erzählung zu Gedicht und wieder zurück. Auch Gespräche über Bücher spielen eine große Rolle: Wer hat was gelesen und wie eingeschätzt? Anders als bei Buchdiskussionsrunden üblich, stehen dabei oft handwerkliche Fragen im Mittelpunkt: Wie schafft es meine Lieblingsautorin, dass man am Anfang sofort in die Handlung hineingesogen wird? Soll man Vorgeschichte in Prologform erzählen – habt ihr so was schon mal gelesen, wo hat das für euch funktioniert und wo nicht? Wie arbeiten die Profis mit Rückblenden?

Diese Diskussionen zu lenken und mit professionellen Tipps zu befruchten, ist eine meiner Hauptaufgaben als Werkstattleiterin. Relevante Einzelfragen werden zum Gegenstand für Schreibübungen, beim Besprechen der entstandenen Texte wird dann das betreffende Thema mehr oder weniger systematisch unter die Lupe genommen. Lektoratsarbeit im engeren Sinn kann die Werkstatt nur sehr punktuell leisten. Es ist aber möglich, den Teilnehmenden einen grundsätzlichen Sinn für die Herangehensweise eines Lektors oder einer Lektorin zu vermitteln und Lektoratsprozesse untereinander in Gang zu setzen. Außerdem können sich die Jugendlichen auch zur „Schreibsprechstunde“ bei mir anmelden, einem Austausch unter vier Augen vor Beginn der eigentlichen Werkstatt. Auf großes Interesse stoßen Einblicke in den Literaturbetrieb und die Arbeit von Verlagen: Manche Erkenntnisse rütteln durch, verändern den Blick oder fordern Widerspruch heraus, andere geben unmittelbar Impulse für die eigene Schreibarbeit.

In meinem Kopf konstruiere ich meist Geschichten über Geschichten, ganze Handlungslinien, die mir auch gefallen. Bis ich das nächste Buch lese und plötzlich zu etwas anderem inspiriert werde. Auf dem Computer habe ich vermutlich zehn angefangene „Romane“. Keiner ist fertig, aber was nicht ist, kann ja noch kommen. Die Lust ist eigentlich noch da – aber die andere Idee heute morgen, die war einfach so viel schöner...
Sarah Ronschke


Vermieden wird mit alldem die Arbeit im luftleeren Raum ohne Rückmeldung, die Isolation bei der zunächst einmal recht einsamen Tätigkeit des Schreibens. Ein gemeinschaftliches Forum für diese Schreibarbeit zu schaffen, sie in einen konstruktiven und anregenden Kontext zu setzen, der zu gleichen Teilen fordert und fördert, war das Motiv für die Gründung der Schreibgruppe. Im Hintergrund stand von Anfang an der Gedanke, dass Verlage und Agenturen zwar immer auf der Suche nach jungen Talenten sind, dass sie Schreibende unter zwanzig aber so gut wie nie gezielt fördern können. Im allerbesten Fall erhalten die jungen Autorinnen und Autoren einen ermunternden Brief, der aber keine konkrete Handreichung bietet, wie sich das eigene Schreiben verbessern und vertiefen lässt. Eltern und Lehrer fördern – zumindest in der Regel – zwar das Schreiben an sich, bleiben aber oft in undifferenziertem, allgemeinem Lob stecken. Gegenüber nichtschreibenden Mitschülern besteht meist eine Scheu, über das eigene Schreiben zu sprechen. Die Entwicklung junger Autorinnen und Autoren bleibt oft genug stecken, da es an langfristiger professioneller Förderung fehlt. Diese Lücke zu schließen ist die Grundintention der Schreibwerkstatt der Internationalen Jugendbibliothek.

Mittelfristig geht es auch darum, die Schreibenden, die im Schutzraum der vertrauten Gruppe gerne Einblick in ihre Arbeit gewähren, mit ihren Texten an ein Publikum heranzuführen. Eine erste Möglichkeit dazu gab es anlässlich der Eröffnung des White Ravens Festivals im Juli 2012: Aus acht eigens zu dem Impuls „weißer Rabe“ geschriebenen Texten wurden drei ausgewählt und von den Autorinnen bei der Eröffnung des Festivals vorgetragen – für alle der erste öffentliche Lesungsauftritt in größerem Rahmen. Ein weiterer Schritt in diese Richtung fand bei einem Sondertermin im Oktober 2012 statt: Stimmtrainerin und Theaterpädagogin Andrea Funk gab Impulse für den gelungenen Einsatz der Stimme und für persönliche Präsenz und Ausstrahlung beim Vorlesen und bei etwaigen Auftritten – für viele Teilnehmerinnen ein wichtiger Schritt, um vom introvertierten Schreiben zum selbstbewussten Präsentieren eigener Texte zu kommen. Eine für November 2013 geplante Lesung der Schreibgruppe im Jella-Lepman-Saal der Internationalen Jugendbibliothek – wir denken an eine abwechslungsreich gestaltete Party mit Musik und vielen jungen Gästen – wird der vorläufige Höhepunkt sein.

Außerdem wirkten drei der jungen Schreibenden am Autorenforum „17 Jahr. Adoleszenz im deutschsprachigen Jugendroman“ mit, das die Internationale Jugendbibliothek am 24./25. Oktober 2013 veranstaltete. Hier war ihre Qualifikation beim kritischen und bewussten Lesen von junger Literatur gefragt: Als „literarisches Terzett“ diskutierten sie Romane von Kevin Kuhn, Rolf Lappert und Cornelia Travnicek.

Wenn ich schreibe, bin ich in meiner eigenen Welt. Ich kann steuern, was passiert, ich bin mit den Charakteren verbunden, bin vielleicht sogar ihre innere Stimme. In „meiner kleinen Welt“, wie ich sie manchmal nenne, bin ich geschützt vor irgendwie allem. Manchmal ist es wie eine Flucht ins positive Nirgendwo...
Franziska Hanke


Autorin: Beate Schäfer

Beate Schäfer arbeitet seit 2009 als literarische Übersetzerin aus dem Englischen und als freie Lektorin für Jugendliteratur und Belletristik. Sie leitet außerdem Seminare und Schreibwerkstätten für Laien und Profiautoren. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Amerikanistik in München und hat mit dem Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin eine Ausbildung als Schreibpädagogin absolviert. Vor Beginn ihrer Freiberuflichkeit war sie zwanzig Jahre lang Verlagslektorin, zuletzt stellvertretende Programmleiterin von dtv junior.

Kontakt:
Carola Gäde
Internationale Jugendbibliothek
Schloss Blutenburg
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E-Mail: carolagaede@ijb.de
Internet: www.ijb.de
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