Bericht

Literanauten überall

16.07.2013

Lesebegeisterte Jugendliche im Dialog mit Gleichaltrigen




Workshop-Wochenende in Bad Hersfeld
Workshop-Wochenende in Bad Hersfeld
© Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.
Im April 2013 starteten die ersten Maßnahmen des neuen Fördervorhabens „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Das Programm fördert bundesweit Angebote kultureller Bildung für bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche. Bis zu 230 Mio. Euro stehen über die kommenden fünf Jahre zur Verfügung für Formate aller künstlerischen Sparten, von Tanz und Theater über Literatur und Leseförderung bis hin zu Film und Medien. Umgesetzt wird das Vorhaben gemeinsam mit 35 bundesweiten Verbänden und Initiativen, die in einem Wettbewerbsverfahren ausgewählt wurden. Darunter auch der Arbeitskreis für Jugendliteratur (AKJ) mit dem Leseförderungsprojekt „Literanauten überall“.

Mit der Förderung von Bildungsbündnissen verfolgt das BMBF vier Ziele: Wesentlich ist die Eröffnung neuer Bildungschancen – vor allem für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Sie sollen durch die Bündnisse neue Herausforderungen erleben und in Kontakt zu Vorbildern kommen. Zugleich sollen die Bündnisse eine neue soziale Bewegung für gute Bildung anstoßen und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Zukunft der jungen Generation schärfen, indem Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement gestärkt werden. Eine tragfähige Vernetzung unterschiedlicher Bildungsakteure auf lokaler Ebene, möglichst nah an den Kindern und Jugendlichen, ist ein weiteres Ziel. Und nicht zuletzt geht es darum, kulturelle Bildung in die Breite zu tragen – genau zu den Kindern und Jugendlichen, die bislang am weitesten von ihr entfernt sind.

Peer-to-Peer-Förderung
Lesen ist eine Schlüsselkompetenz, die die Bildungskarriere maßgeblich bestimmt und damit wesentlicher Bestandteil kultureller Bildung. Auch in unserer digitalen Welt ist es das elementare Medium des Lernens. Lesen wirkt darüber hinaus auf das Selbstkonzept, gibt Anlass zum sozialen Austausch und generiert Anschlusskommunikation. Lesen ist der Schlüssel zur Literatur, und die dient einerseits als gesellschaftliches Gedächtnis und eröffnet andererseits neue Welten.

Die Initiative des AKJ steht unter dem Titel „Literanauten überall“. Anlässlich eines vom AKJ 2010 veranstalteten bundesweiten Treffens der Mitglieder der Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis gaben sich die beteiligten Jugendlichen selbst die Bezeichnung „Literanauten“. Damals handelte es sich noch um die „Literanauten am Ende der Welt“, da sich die Jugendlichen im abgelegenen Schnepfenthal in Thüringen trafen. Im Gegensatz dazu soll das neue Projekt bundesweit zu Aktionen führen, was die Bezeichnung „Literanauten überall“ verdeutlicht. Die „Literanauten“ sind ein Peer-to-Peer-Projekt: Mit verschiedenen „Aktionen rund ums Buch“ sollen lesebegeisterte Jugendliche in allen Teilen der Bundesrepublik mit Gleichaltrigen in den Dialog treten und so als „Lesebotschafter“ aktiv werden. Die Wege, um auf Bücher neugierig zu machen und Leselust zu teilen, sind dabei so vielfältig wie die Leseclubs, die sich mit ihren Ideen an der Initiative beteiligen.

Im Fokus stehen dabei Jugendliche, die bisher wenig Berührungspunkte mit Literatur hatten, weil sie z.B. nicht über ausreichende Lesefähigkeit verfügen, keinen Zugang zu Büchern haben oder aus einem Umfeld kommen, in dem Lesen keine Wertschätzung erfährt. Angesprochen werden sie z.B. mit einer Buchgeschenk-Aktion, einem literarischen Essen, der Einrichtung eines Bücherschranks an einem unerwarteten Ort, einem Poetry oder Book Slam, einer Lesung mit Musik, einem literarischen Gottesdienst, einem Interview mit Graffiti-Künstlern, einer literarischen Geocaching-Aktion quer durch die Stadt, einem Workshop zur Entwicklung eines Buchtrailers oder einer Street Poetry Performance.

Begeisterung für Literatur wecken
Die Kosten für solche Maßnahmen werden aus der Förderung gedeckt. Die erste Projektrunde läuft ab sofort bis zum Herbst 2014, bei allen Veranstaltungen fungiert der AKJ als Mitveranstalter. Zur Durchführung vor Ort muss jeder Leseclub einen weiteren regionalen Bündnispartner finden. In der Regel handelt es sich dabei um Institutionen, die den Kontakt zu der zu erreichenden Zielgruppe herstellen, wie Schulen, Jugendtreffs, Sportclubs, Migrationsdienste, internationale Kulturvereine, soziokulturelle Zentren, wohltätige Einrichtungen, Krankenhäuser oder Bibliotheken. Die Leseclubs können frei entscheiden, ob sie im kleinen Kreis mit einer ausgewählten Gruppe Gleichaltriger arbeiten oder im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen einen mit Literatur verknüpften Beitrag leisten, wie z.B. bei Stadtteil- oder Kulturfesten. Zur Umsetzung von produktionsorientierten Programmen können Künstler, Buchbinder, Theater- oder Medienpädagogen herangezogen werden.

Die Besonderheit des Vorhabens liegt darin, dass sich Jugendliche – im Sinne von aktiver Teilhabe – für andere Jugendliche engagieren, während die beteiligten Erwachsenen eher im Hintergrund bleiben und die Teenager nur dort unterstützen, wo wirklich Bedarf besteht. Eine Stärkung der jugendlichen Zielgruppe findet bei diesem Projekt auf zwei Ebenen statt. Zum einen intensivieren diejenigen, die sich bereits für das Lesen begeistern, ihre Kompetenzen im Umgang mit Literatur, entwickeln neue Veranstaltungsformate und probieren sich aus. Sie lernen aber auch, ihren eigenen Blickwinkel zu hinterfragen, sich für andere zu öffnen und Schnittstellen zwischen der Welt der Bücher und ihrem gesellschaftlichen Umfeld aufzutun. Zum anderen bietet das Programm die Möglichkeit, Literatur auf vielfältigen Wegen an ungewohnte Orte zu bringen und neue Zielgruppen und Leser zu erschließen. So finden auch Jugendliche Zugänge zu Büchern und Büchermenschen, die Lesen bisher als uninteressant empfunden haben, möglicherweise weil ihnen die Anknüpfungspunkte zwischen Literatur und ihrer Lebenswelt, zwischen Literatur und Sprache, Musik, Songtexten, Film, Theater, Radio, Kunst, Comic, Bild oder Fotografie fehlten. Durch dieses Neugierigmachen auf Bücher, können Türen in neue Welten geöffnet und Jugendliche mit auf eine literarische Entdeckungsreise genommen werden.

Zum Auftakt des Projekts fand vom 28. bis 30. Juni 2013 für die teilnehmenden Leseclubs ein Workshop-Wochenende in Bad Hersfeld statt, bei dem die in Aktion tretenden Jugendlichen geschult und ihnen verschiedene Ideen und Informationen an die Hand gegeben wurden. Sie konnten geeignete Workshop-Formate selbst ausprobieren, sich über ihre Ideen für mögliche lokale Projekte und Bündnispartner austauschen und entsprechende Konzepte entwickeln.
Projektbegleitend wird die Website www.literanauten.org aufgebaut, die über das Vorhaben und einzelne Aktionen berichtet. Leseclubs und weitere Interessierte aus dem gesamten Bundesgebiet sind eingeladen, sich zu informieren und sich als lokale Bündnispartner beim Arbeitskreis für Jugendliteratur zu bewerben.

Leseförderung im Fokus
Im Bereich der Leseförderung und Literaturvermittlung wurden neben dem AKJ noch vier weitere Partner für „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ ausgewählt. Mit von der Partie sind der Bundesverband Friedrich-Bödecker-Kreis mit einem Autorenpatenschaften-Programm, der Borromäusverein, der sich mit einem Leseförderungsprogramm speziell für Jungen stark macht, die Stiftung Lesen, die plant, 200 Leseclubs in Grundschulen einzurichten, und der Deutsche Bibliotheksverband, der in Kooperation mit der Stiftung Digitale Chancen Leseförderung altersgerecht mit Medienbildung verknüpft. Weitere Informationen zur Kampagne und den einzelnen Verbänden und Initiativen finden sich auf der Website des BMBF unter www.buendnisse-fuer-bildung.de.

Autorin: Bettina Neu

Bettina Neu ist Projektleiterin beim Arbeitskreis für Jugendliteratur in München und dort für die Betreuung der Initiative „Literanauten überall“ zuständig. Rückfragen zum Projekt können direkt an sie gestellt werden.

Literanaut werden
Das Projekt „Literanauten überall“ richtet sich insbesondere an Leseclubs, Jugendjurys und andere Lesegruppen mit jugendlichen Mitgliedern. Ein Einstieg ist jederzeit möglich, besondere Antragsfristen müssen nicht berücksichtigt werden. Weitere Informationen unter: www.literanauten.org

Kontakt:
Bettina Neu
Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.
Metzstraße 14c
81667 München
Tel.: (089) 45 80 80 81
E-Mail: neu@jugendliteratur.org
Internet: www.literanauten.org
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de