Bericht

Evaluation des Sprachförderprojekts MITsprache

10.07.2013

Mehr Chancengleichheit durch die Förderung des Zweitspracherwerbs




Sprachförderung an der Heinrich-Seidel-Grundschule in Berlin, © Stiftung Fairchance
Sprachförderung an der Heinrich-Seidel-Grundschule in Berlin, © Stiftung Fairchance
Schulanfänger nichtdeutscher Erstsprache kommen auch Jahre nach alarmierenden Bildungsstudien immer noch mit mangelnder Sprachfähigkeit in der Unterrichtssprache Deutsch in die Schule. Wenn diese Kinder aus einem bildungsfernen Elternhaus mit niedrigem sozioökonomischem Status stammen, sind ihre Startchancen für die eigene Bildungslaufbahn stark beeinträchtigt. Da liegt der Ruf nach effektiver, institutionalisierter Sprachförderung nahe. Obwohl zwar inzwischen eine Reihe von Förderprogrammen im Umlauf ist, fehlt es dennoch häufig an empirischer Evidenz für deren Effektivität (Hofmann et al., 2008).

Um diesem Problem zu begegnen, hat die Stiftung Fairchance das Projekt MITsprache ins Leben gerufen. Dieses hat zum Ziel, die Sprachkompetenz von Kindern aus sozial benachteiligten Familien und Kindern mit Migrationshintergrund zu fördern und damit einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit zu leisten. Das Projekt wird seit dem Schuljahr 2011/12 an fünf Grundschulen im Berliner Stadtteil Gesundbrunnen pilotiert, in dem etwa 90 % der Grundschüler eine nichtdeutsche Erstsprache haben (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, 2013) und über zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen in Arbeitslosengeld II-Haushalten leben (Bezirksamt Mitte von Berlin, 2013). Im Februar 2013 wurde das Sprachförderprojekt MITsprache im Wettbewerb „Ideen für die Bildungsrepublik“ als herausragende Bildungsidee ausgezeichnet. Der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Wettbewerb zeichnet beispielhafte Projekte aus, die sich in besonderer Weise für Bildungsgerechtigkeit für Kinder und
Jugendliche einsetzen. Ab dem Schuljahr 2013/14 werden zusätzlich im Umfeld der Schulen liegende Kindertagesstätten in das Projekt mit aufgenommen, um eine mehrjährige und durchgängige Sprachförderung zu erreichen.

Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation des Projekts wird von der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt und verfolgt eine doppelte Zielsetzung. Zunächst soll die Implementierung des Projekts begleitet werden, um im Prozess die Umsetzung zu optimieren (formatives Ziel). Im nächsten Schritt soll analysiert werden, wie das Projekt vor allem auf den Spracherwerb, aber auch darüber hinaus auf Kinder, Eltern sowie Förderkräfte und die jeweilige Bildungseinrichtung wirkt (summatives Ziel).

Die Basis des Projekts bildet die Kooperation zwischen den beteiligten Bildungseinrichtungen (Grundschulen und Kitas), der Stiftung Fairchance sowie dem Sprachförderzentrum Berlin-Mitte. Die zentralen Bausteine des Projekts sind:
  • Sprachförderung innerhalb der Bildungseinrichtungen durch Lehrer/-innen und Erzieher/-innen
  • Qualifizierung der Lehrer/-innen und Erzieher/-innen zu Sprachförderkräften
  • Elternarbeit durch Sozialpädagogen
Ziele und Grundlagen des Projekts
Ziel der Sprachförderung ist es, neben Fähigkeiten im Bereich Wortschatz und Grammatik ebenso die Herausbildung der Erzählfähigkeit zu fördern. Die Grundlage dafür bildet das strukturierte Programm „Deutsch für den Schulstart“ (DfdS), das vom Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg entwickelt wurde (Klages & Kaltenbacher, 2010). Das Material gibt eine altersgerechte Rahmenhandlung mit Handpuppen als Akteure vor. Gleichzeitig beinhaltet es eine Progression in den entsprechenden sprachlichen Bereichen. Um das Programm der Zielgruppe und den Rahmenbedingungen anzupassen, wurde für das Berliner Sprachförderprojekt MITsprache zusätzliches Material entwickelt und ergänzt.

Die Didaktik der Sprachförderung folgt folgenden Prinzipien, die den Zweitspracherwerb ähnlich dem natürlichen Erstspracherwerb ermöglichen soll:
  • Authentische Kommunikationssituationen schaffen
  • Klare Sprachmodelle vorgeben
  • Wenige unterschiedliche Strukturen anbieten
  • Ausreichend Wiederholungen ermöglichen
  • Kurze Reime und regelmäßige Rhythmen anbieten
  • Implizites Lernen ermöglichen
Zur Umsetzung der didaktischen Prinzipien werden auch die Handpuppen eingesetzt, die u.a. dazu dienen, echte Sprechanlässe zu schaffen.

Die Sprachförderung beginnt derzeit mit dem ersten Schulbesuchsjahr und wird über zwei Jahre additiv zum Unterricht fortgeführt. Sie findet viermal pro Woche für die schwächsten Schüler eines Jahrgangs in Kleingruppen von maximal sechs Kindern statt. Darüber hinaus werden auch außerschulische Aktivitäten für die Kleingruppen angeboten, um die Inhalte der Sprachförderung, die die Rahmenhandlung vorgibt, auch zu erleben, wie zum Beispiel einen Besuch im Zoo.

Um den Sprachstand der Kinder festzustellen und die Sprachförderung daran anzupassen, wird die Förderdiagnostik des Programms „Deutsch für den Schulstart“ in regelmäßigen Abständen eingesetzt. Diese ist auf die Förderziele abgestimmt und erfasst mithilfe eines standardisierten Elizitationsverfahrens neben Fähigkeiten im Bereich Wortschatz und Grammatik auch die Erzählfähigkeit.

Qualifizierung der Förderkräfte
Neben der Durchführung der Sprachförderung ist die Qualifizierung der Förderkräfte ein elementarer Bestandteil des Projekts. Die Förderkräfte sind Lehrer/-innen und Erzieher/-innen der beteiligten Bildungseinrichtungen und haben bereits Erfahrung mit Deutsch als Zweitsprache. Die Qualifizierung zur Sprachförderkraft erfolgt zunächst in Form einer grundlegenden Fortbildung, in der relevante theoretische Grundlagen des Zweitspracherwerbs sowie die Materialien, die Didaktik und die Diagnostik der Sprachförderung vermittelt und trainiert werden. Daran anschließend finden regelmäßig Projekttreffen statt, bei denen vertieft einzelne fachliche Themen zur kontinuierlichen Weiterqualifizierung angeboten werden. Darüber hinaus haben die Förderkräfte bei den Treffen die Möglichkeit, sich über Erfahrungen, Erfolge und Herausforderungen der Sprachförderung auszutauschen. Als drittes Qualifizierungselement ist ein individuelles Coaching der Förderkräfte geplant, das Hospitationen bei einzelnen Fördereinheiten und anschließendes Feedback durch die Projektleitung beinhaltet.

Elternarbeit
Der dritte wichtige Baustein des Projekts ist die Elternarbeit. Sie hat zum Ziel, auch innerhalb der Familie sprachförderliche Rahmenbedingungen für die Kinder zu schaffen und wird durch einen projekteigenen Sozialpädagogen realisiert. In regelmäßigen Elterntreffs werden die Eltern zum einen über die Sprachförderung ihrer Kinder informiert und zum anderen über den Umgang mit Sprache und Fördermöglichkeiten innerhalb der Familie aufgeklärt. Um mit möglichst allen Eltern in Kontakt zu kommen, werden zusätzlich Hausbesuche und individuelle Beratungsgespräche durchgeführt.

Wissenschaftliche Begleitung und Evaluation
Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation, die von der Arbeitsgruppe Prof. Mandl im Bereich Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt wird, berät, verbessert und überprüft das Projekt und verfolgt damit formative und summative Ziele.
Das formative Ziel, die Optimierung der Umsetzung, bezieht sich auf drei Ebenen:
  • Organisationale Ebene: Unter welchen Rahmenbedingungen findet die Sprachförderung statt?
  • Inhaltliche Ebene: Welche Inhalte werden umgesetzt?
  • Didaktische Ebene: Wie werden die Inhalte didaktisch umgesetzt?
Zur Beantwortung dieser Fragen werden Interviews mit den Förderkräften geführt, die Erfolgsfaktoren und Herausforderungen der Umsetzung auf allen drei Ebenen thematisieren. Ebenso werden bei den regelmäßigen Projekttreffen Erfahrungen und Anmerkungen dazu gesammelt, die im Rahmen der Evaluation protokolliert werden. Zusätzlich wird zur Beantwortung der Umsetzbarkeit auf organisationaler Ebene erhoben, wie häufig die Sprachförderungen stattfinden und welche Kinder anwesend sind. Um weitere Informationen zur Umsetzbarkeit auf inhaltlicher und didaktischer Ebene zu sammeln, werden von den Förderkräften kontinuierlich Checklisten ausgefüllt, die festhalten, welche Inhalte durchgeführt werden, und wie die didaktischen Prinzipien umgesetzt werden können. Auf Grundlage dieser Daten können Empfehlungen zur Verbesserungen auf allen drei Umsetzungsebenen ausgesprochen werden.

Das summative Ziel, die Analyse der Wirkungen des Projekts, bezieht sich auch auf verschiedene Zielgruppen:
  • Wirkungen auf die Kinder (sprachliche, kognitive und soziale Entwicklung)
  • Wirkungen auf die Eltern
  • Wirkungen auf Förderkräfte und Bildungseinrichtungen
Um die Wirkung auf den Spracherwerb der Kinder festzustellen, wird ein längsschnittliches Prä-Post-Kontrollgruppendesign realisiert. Die halbjährliche Sprachstanderhebung in Form der Förderdiagnostik von „Deutsch für den Schulstart“ erfasst die Entwicklungen in den Bereichen Wortschatz, Grammatik und Erzählen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Um den Blick auf die Entwicklung der Kinder zu erweitern, werden zusätzlich die Förderkräfte, die die Kinder auch aus dem Regelunterricht kennen, zur sprachlichen, kognitiven und sozialen Entwicklung der Kinder befragt. Um darüber hinaus individuelle und kontextuelle Faktoren auf den Spracherwerb zu erfassen, werden die Eltern zur (sprachlichen) Entwicklung und zum Sprachgebrauch in der Familie sowie zur eigenen Bildungserfahrung, der Migrationsgeschichte und dem sozioökonomischen Hintergrund der Familie interviewt.

Zusätzlich wird die Wirkung der Elternarbeit mithilfe einer schriftlichen Befragung der Eltern erfasst, indem gefragt wird, wie sich der Kontakt zum Sozialpädagogen gestaltet, inwieweit hilfreiche Informationen zu relevanten Themen gegeben werden und inwieweit dies zu einer Veränderung führt.
Als dritte Zielgruppe werden die Förderkräfte in Interviews befragt, inwiefern die Implementierung und Umsetzung des Projekts auf die Förderkräfte selbst, und die Bildungseinrichtung allgemein wirkt.

Ausblick:
Das Projekt hat in den vergangen zwei Jahren bereits etwa 100 Kindern eine Sprachförderung ermöglicht. Ergebnisse der formativen und summativen Evaluation werden nach Abschluss des zweiten Projektjahres ausgewertet und veröffentlicht. Im August 2013 beginnt das dritte Projektjahr, in dem wieder neue Sprachfördergruppen mit Schulanfängern an den beteiligten Grundschulen starten. Zusätzlich wird das Projekt auf Kindertagesstätten ausgedehnt, die im Umfeld der Schulen liegen. So kann die kontinuierliche Sprachförderung auf drei Jahre erweitert werden, indem die Sprachförderung für die Kinder bereits im letzten Kitajahr beginnt und in den ersten beiden Schulbesuchsjahren weitergeführt wird.

Autorin: Raphaela Schätz

Literatur:
Bezirksamt Mitte von Berlin (2013). Basisdaten zur Bevölkerung und sozialen Lage im Bezirk Berlin-Mitte. Retrieved from www.berlin.de/imperia/md/content/bamitte/publikationen/ges/gbe_basisdaten_mitte_2013a.pdf

Hofmann, N., Polotzek, S., Roos, J., & Schöler, H. (2008). Sprachförderung im Vorschulalter - Evaluation dreier Sprachförderkonzepte. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, (3), 291–300.

Klages, H. & Kaltenbacher, E. (2010). Deutsch für den Schulstart. Fördermaterialien für Vorschulkinder und Schulanfänger mit Deutsch als Erst- oder Zweitsprache. Universität Heidelberg.

Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin (2013). Berliner Schulen. Retrieved from www.berlin.de/sen/bildung/schulverzeichnis_und_portraets/anwendung/

Kontakt:
Raphaela Schätz
Ludwig-Maximilians-Universität München
Department Psychologie
Leopoldstr. 13
80802 München
Tel.: (089) 2180-71390
E-Mail: raphaela.schaetz@psy.lmu.de
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