Bericht

Leseförderung durch Teilhabe

26.03.2013

Studie zum zehnjährigen Jubiläum der Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis




Die Jugendjury bei der Preisverleihung 2011, © José Poblete
Die Jugendjury bei der Preisverleihung 2011, © José Poblete
Klaus Kordon erzählt in seinem Roman Krokodil im Nacken (Beltz & Gelberg, 2002) von den Stasigefängnissen der DDR. Markus Zusak, der den Tod zum Erzähler werden lässt, blickt in Die Bücherdiebin (cbj, 2008) auf den Zweiten Weltkrieg. Um Simpel, einen geistig behinderten jungen Mann in einer Pariser Studenten-WG geht es in dem gleichnamigen Roman von Marie-Aude Murail (Fischer Schatzinsel, 2007), während Suzanne Collins in ihrer Dystopie Die Tribute von Panem (Oetinger, 2009) das Szenario der Hungerspiele entwirft, für die junge Menschen ausgelost werden, um in einer Arena gegeneinander um Leben und Tod zu kämpfen. Erebos (Loewe, 2010) von Ursula Poznanski nimmt den Leser mit in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und virtuellem Abenteuerspiel verschwimmen.
Die Titel zählen zu den Preisträgern des Deutschen Jugendliteraturpreises, ausgewählt von der Jugendjury im Laufe der letzten zehn Jahre. Sie dokumentieren beispielhaft den Genrereichtum und die thematisch-erzählerische Vielfalt der gegenwärtigen Jugendliteratur. Und sie belegen – entgegen dem nachgewiesen schwindenden Leseinteresse der 13- bis 17-Jährigen – differenzierte Leseinteressen und Lektüreansprüche.

Eine eigenständige Jugendjury
Jugendliche, die als Mitglieder der Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis tätig sind, verbindet ein gemeinsames Interesse: Sie wollen Bücher lesen und mit Gleichgesinnten darüber diskutieren. Die autonome Jugendjury besteht aus sechs bundesweiten Leseclubs, die unabhängig von der Kritikerjury eine Nominierungsliste erstellen und ihren eigenen Preis vergeben. Dieses Modell der Leseförderung existiert seit 2003. Der öffentliche Auftrag des Deutschen Jugendliteraturpreises wirkt motivierend und fördert die Teilhabe der Jugendlichen am kulturellen Leben. Im Rahmen der selbstverantworteten Aktivitäten der Jugendjury wird eine seit Langem postulierte „literarische Öffentlichkeit der Kinder und Jugendlichen“ (Ewers) hergestellt.

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Jugendjury im Jahr 2013 soll in einer Studie der Frage nachgegangen werden, welchen Beitrag die Jugendjury als Projekt kultureller Jugendbildung für die Lese- und die literarische Sozialisation ihrer Mitglieder leistet und welche überfachlichen Kompetenzen damit gestärkt werden. Die vom Arbeitskreis für Jugendliteratur in Auftrag gegebene Studie wird vom Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Bamberg in Kooperation mit dem Institut für empirische Soziologie an der Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt und von der Stiftung Deutsche Jugendmarke gefördert. Sie wird im Oktober 2013 im kopaed Verlag veröffentlicht.

Zielsetzung der Studie ist die Beschreibung und Bewertung des Programms Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis in seinen Rahmenbedingungen, Prozessen und Ergebnissen. In einem ersten Schritt wird die Entwicklungsgeschichte der Jugendjury dokumentiert: Von den Anfängen der 1970er Jahre, als Jugendliche zunächst nur eine beratende Funktion innehatten, über die Verankerung ihrer Beteiligung an der Juryarbeit in den Statuten seit 1974 bis hin zu den Diskussionen über ein eigenständiges Jugendjurymodell, welches die Zielgruppe an der Preisfindung beteiligt. Die mit der Einrichtung einer autonomen Jugendjury formulierten Zielvorstellungen können für eine Bestandsaufnahme der Projektkonzeption zugrunde gelegt werden.

Weiterhin sollen die Projektsituation und die beteiligten Akteure beschrieben werden, um Hinweise auf grundsätzliche Handlungsbedingungen zu liefern. Die Auswertung der Bewerbungsunterlagen der Leseclubs gibt Auskunft über ihr Profil: Wie bedeutsam ist die Anbindung an unterschiedliche Institutionen? Welche Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht der Mitglieder ist erkennbar? Welche weiteren lesekulturellen Aktivitäten werden von den Leseclubs initiiert? Durch Interviews mit den erwachsenen Leitern der Juryleseclubs (Teamer) kann zusätzliches Kontextwissen eingeholt werden, indem Motive für die Gründung der Leseclubs und deren Beteiligung an der Jugendjury erfragt werden.

Praktiken der Anschlusskommunikation
Erfahrungen mit Literatur sind auf Kommunikation mit anderen angewiesen, erhöhen das Textverstehen und die Lesemotivation. Die Anschlusskommunikation in Form der in den Leseclubs stattfindenden Gespräche gilt als zentraler Bestandteil der Juryarbeit. In den „Wertungsdiskussionen“ werden Leseerfahrungen ausgedrückt und ausgetauscht, jedoch gehen die Jurydiskussionen über eine gemeinsame und offene Sinnsuche hinaus, denn sie zielen auf ein Urteil ab, das die Nominierungs- und Preisfindung zum Ziel hat. Die exemplarische Dokumentation einzelner Jurysitzungen stellt interaktionelle Wertungsprozesse und Aushandlungsstrategien ins Zentrum, um die Qualität der Jurygespräche inhaltlich-thematisch und strukturell zu erfassen und entsprechende Kompetenzen der Gesprächsteilnehmer abzuleiten.

Durch die Texte der Jurybegründungen werden die jugendliterarischen Werturteile öffentlich und können als Textsorte jugendliterarischer Kritik analysiert werden. Von Interesse ist zum einen, welche Genres und Themen die jugendlichen Juroren im Laufe der letzten zehn Jahre favorisiert haben. Zum anderen sollen die Wertmaßstäbe der Zielgruppe sichtbar werden. Eine weitere Möglichkeit, kulturelle Teilhabe zu realisieren, sind die szenischen Präsentationen, mit denen die Jurymitglieder im Rahmen der Buchmessen die Nominierungstitel vorstellen. Die Präsentationen, die zum Teil durch den Einsatz audiovisueller Medien unterstützt werden und rund zwei Minuten dauern, wollen ähnlich wie ein Trailer beim Publikum Interesse für das Buch wecken. Sie können Aufschluss geben über die produktiv- gestalterischen Fähigkeiten der Jugendlichen, mit denen sie ihre literarischen Einsichten und Erfahrungen vermitteln.

Rekonstruktion subjektiver Sichtweisen
In Anlehnung an methodische Instrumente der Leseforschung (Erich Schön und Werner Graf) strebt die Studie eine Bilanzierung der Handlungsresultate und Bildungswirkungen über die Rekonstruktion der subjektiven Sichtweisen der Teilnehmer an. Anhand von Leitfadeninterviews mit amtierenden und ehemaligen Jurymitgliedern sollen Aussagen darüber erhoben werden, welche Bedeutung die Teilnehmer selbst dem Projekt zuschreiben. Die Erschließung bestimmter Wirkungen aus subjektiven Einschätzungen heraus stützt sich u.a. auf folgende Fragen: Welche Erwartungen gingen voraus? Welche literarischen und anderen Erfahrungen wurden gemacht? Welche Probleme waren zu bewältigen? Wie werden die Erfahrungen von den Teilnehmern reflektiert und bewertet? Außerdem bilden die Interviews die Leserprofile der Jurymitglieder ab, indem Aspekte der Lesesozialisation, Lesemotive und -praktiken thematisiert werden. Insofern die Juryleseclubs nonformale Settings von Lesekultur im Überschneidungsbereich mehrerer Sozialisationsinstanzen darstellen, wird hier die Einflussgröße der Peergroup sowie die Rolle der Teamer und ihrer Beziehung zu den Jugendlichen besonders in den Blick zu nehmen sein.

Eine abschließende Perspektive auf die Effekte kultureller Bildung gestattet die Beschreibung und Auswertung des Bildungspasses „Kompetenznachweis Kultur“, der an Mitglieder der Jugendjury vergeben wird und deren künstlerische, personale, soziale und methodische Kompetenzen dokumentiert.

Leitfaden für Vermittler
Es ist zu erwarten, dass der Modellcharakter des Projekts Jugendjury bestätigt und in ein nachhaltiges Konzept für weitere Initiativen überführt werden kann. Es soll daher ein Leitfaden für die lesekulturelle Arbeit mit Jugendlichen entstehen, der Vermittlern im schulischen und außerschulischen Bereich Hilfestellung bei der Implementierung von Leseclubs und zukünftigen Jugendjurys gibt.

Autorin: Dr. Ina Brendel-Perpina

Über die Autorin:
Dr. Ina Brendel-Perpina ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. www.uni-bamberg.de/germ-didaktik/lehrstuhlteam/dr-ina-brendel-perpina/

Dieser Beitrag erschien im Original in JuLit 3/12, S. 54-56. Herausgegeben vom Arbeitskreis für Jugendliteratur.

Publikation:
Leseförderung durch Teilhabe
Die Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis
Ina Brendel-Perpina / Felix Stumpf
kopaed, München 2013, 253 Seiten, 18,80 €
Bestellung: www.jugendliteratur.org

Kontakt:
Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.
Metzstraße 14c
81667 München
Tel.: (089) 45 80 80 6
E-Mail: info@jugendliteratur.org
Internet: www.jugendliteratur.org
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de