Bericht

Hessischer Leseförderpreis für herausragende Projekte

17.12.2012

Gewinner aus Dreieich, Frankfurt am Main, Fulda, Liebenau und Offenbach




Preisträgerinnen und Preisträger 2012
Preisträgerinnen und Preisträger 2012
© Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.
Mit dem Hessischen Leseförderpreis werden einmal jährlich Bibliotheken und andere öffentliche Einrichtungen ausgezeichnet, die in den vergangenen zwölf Monaten herausragende Projekte zur Leseförderung bei Kindern und Jugendlichen organisiert haben. 35 öffentliche Einrichtungen hatten sich in diesem Jahr um den mit insgesamt 15.000 Euro dotierten Preis beworben. Die von einer unabhängigen Jury ausgewählten fünf Gewinner wurden am 9.November in Eltville von Ingmar Jung, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, ausgezeichnet. Die Preisverleihung wurde umrahmt von Auftritten der Dichterwerkstatt des Jugendzentrums „Alter Bahnhof Taunusstein“ und der Schreib- und Lesewerkstatt der Sonnenblumenschule Erbach. Für die musikalische Untermalung sorgte das Duo Saitenwind.

Gewinner des Hessischen Leseförderpreises 2012

Weibelfeldschule Dreieich
Die Weibelfeldschule Dreieich im Landkreis Offenbach wurde für das Projekt „JuLiD (Jugend-Literatur-Dreieich)“ ausgezeichnet. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine Literaturjury für Jugendliche ab 14 Jahren, die sich im Schuljahr 2011/2012 durch 90 aktuelle für Jugendliche interessante Bücher arbeitete und am Ende fünf Siegertitel und eine Siegerreihe vorstellte. Mit dieser Auswahl wollen die Jurymitglieder anderen Jugendlichen eine Orientierung im Bücherdschungel bieten und sie mit ihrer Lesefreude anstecken. Im Projektzeitraum lasen die beteiligten Schülerinnen und Schüler 90 Texte und verfassten 50 Rezensionen für den Blog www.julid-online.de.

Stadtbücherei Frankfurt am Main
Bei der Planung ihrer Projekte hat sich die Stadtbücherei Frankfurt besonders auf die Zielgruppe der Jugendlichen konzentriert, die, weil sie besonders passgenaue, aktuelle und ansprechende Produkte fordert, besonders schwer zu erreichen ist. Damit dies dennoch gelingt, hat die Bücherei gleich mehrere medienpädagogische Projekte ins Leben gerufen, die veranschaulichen sollen, welche Spannbreite in der Jugendbibliotheksarbeit möglich ist: Multimedial oder auf Literatur fokussiert, mit Partnern oder in Selbstorganisation der Jugendlichen, mit großem Aufwand oder mit kleinen Mitteln.

Bücherpicknicker sind Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren, die sich alle drei bis vier Wochen zu einem „BücherPicknick“ in der Bücherei treffen, um mit mit Gleichaltrigen über neue Bücher zu diskutieren. Das Projekt wird in sechs verschiedenen Büchereien (drei öffentlichen Bibliotheken und drei Schulbibliotheken) angeboten und von jugendlichen „BücherPicknick-Scouts“ in Eigenregie organisiert und betreut. Mit dem Projekt wird das Lesen als Basistechnik einer umfassenden Bildung vermittelt, die Meinungsbildung und die Diskussionsfreude der Teilnehmer gestärkt und die Bibliothek als Treffpunkt attraktiver gemacht. Bei den Treffen tauschen sich Jugendliche über neue Romane aus und können sich bei Snacks und Getränken auch über ihre Lieblingstitel unterhalten. Die dazugehörige Picknickdecke sorgt dabei für eine nicht alltägliche und ungezwungene Atmosphäre. Die Teilnehmer werden so dazu ermutigt, sich mit den gelesenen Büchern auseinanderzusetzen und ihre Meinung im Gespräch zu vertreten. Die Aufgaben der jugendlichen Organisatoren sind dabei vielfältig. Sie reichen von der Werbung und Terminierung bis hin zur Moderation der Veranstaltungen und der Auswahl der Medien. Die „BücherPicknick-Scouts“ sind so Botschafter des Lesens und wurden für ihr Engagement am 18. Juni 2012 mit dem Bücherpreis der Stadt Frankfurt in der Kategorie „U21“ geehrt.

Die JungeMedienJury (JMJ): Medien, Meinungen, Macher ist ein Projekt für Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren, das mit einer Laufzeit von jeweils ca. einem halben Jahr seit 2004 jährlich organisiert wird. Die Bücherei hat es sich hier zur Aufgabe gemacht, den kritischen Medienkonsum zu fördern, die Diskussionsfähigkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu schulen und ein Hintergrundwissen über die Medien zu vermitteln.
Während der Laufzeit des Projekts arbeiten die Jugendlichen in fünf Jurys (Jugendbuch, Hörbuch, Comic & Manga, Film und Computerspiele) und treffen sich regelmäßig, um Bewertungskriterien zu erarbeiten und über rezipierte Medien zu diskutieren. Dass hier über verschiedene Medien diskutiert wird, ist bundesweit einzigartig und geschieht vor dem Hintergrund, dass alle Medienarten, die für das jugendliche Rezeptionsverhalten relevant sind, berücksichtigt werden sollen. Die Auswahllisten der einzelnen Jurys setzen sich dabei zu gleichen Teilen aus den Vorschlägen der Jurybetreuer (Studenten des Instituts für Jugendbuchforschung der Uni Frankfurt) und der Jugendlichen zusammen. Pro Jury unterliegen dabei 20 bis 25 Titel der jugendlichen Kritik, deren Medientipps dann in allen Bibliotheken der Stadtbücherei ausleihbar sind.
Begleitende Ausflüge in die Kulturbranche (Verlage, Hessischer Rundfunk, Buchmesse) runden das Angebot ab, und schaffen zusammen mit z.B. Theater-, Film- und Zeichenworkshops auch einen praktischen Zugang. Ein besonderes Highlight ist hier auch „Die LangeMedienNacht“ mit Übernachtung in der Bibliothek.
Beim jährlichen Abschlussfest mit Pressekonferenz im Commerzbank-Hochhaus stellen die Jugendlichen der Öffentlichkeit die Siegertitel ihrer Jury vor. Durch die nachfolgende Berichterstattung wird ihnen so ein breites öffentliches Forum gegeben.
Seit 2004 nahmen 459 Jugendliche das Angebot wahr, das mit dem Frankfurter Lions Club, dem Drogenreferat Frankfurt, dem Institut für Jugendbuchforschung der Uni Frankfurt und der Buchhandlung Hugendubel auf die Hilfe zahlreicher Partner zählen kann. Dabei kommen die Jurymitglieder aus allen Schularten, viele von ihnen haben zudem einen internationalen Hintergrund.

Auch bei ihren Informationsangeboten und bei ihren Medien- und Raumkonzepten stellt die Stadtbücherei Frankfurt die Jugendlichen in den Mittelpunkt. So finden für die 7. bis 9. Klasse kurz vor den Sommerferien Jobbörsen statt, bei denen Schüler Berufe präsentieren, in denen sie Praktika absolviert haben. Diese bringen sie den jugendlichen Besuchern durch Fragebögen und persönliche Gespräche näher. Das geschieht besonders vor dem Hintergrund, dass sich in der Pubertät und im Jugendalter der Einfluss auf gleichaltrige Freunde deutlich verstärkt. Daneben informieren Experten aus dem Handwerk, der Medienbranche und aus kaufmännischen, sozialen und künstlerischen Berufen die Besucher mit praktischen Beispielen und Vorträgen.
Mit „Isla – die TeenLounge“ hat sich die Stadtbücherei zudem einen langen Wunsch erfüllt, und hat in der Zentralen Kinder- und Jugendbibliothek einen eigenen Bereich für Teenager eingerichtet. Dieser soll speziell den Bedürfnissen der 10- bis 15-jährigen Besucher Rechnung tragen. Die Gestaltung wurde in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung in Offenbach entwickelt. Für die jugendlichen Besucher ist „Isla“ ein Freiraum, in dem sie flexible Leselandschaften vorfinden, die zu einem gemütlichen Aufenthalt einladen. Die ausleihbaren Medien sind dabei sehr auf die Freizeitinteressen der Besucher ausgerichtet. Finanziert wurde das Projekt über Stiftungen (IKEA Stiftung und Cronstett- und Hynspergische evangelische Stiftung e.V.).
Mit „freestyle“ wurde schließlich nach dem Umzug der Zentralbibliothek 2007 auch für junge Erwachsene zwischen 14 und 20 Jahren ein Raum geschaffen, der sich optisch stark von den anderen Bereichen abgrenzt. 2009 und 2012 übernahmen das Bibliothekszentrum Sachsenhausen und das Bibliothekszentrum in Höchst das Konzept. Wichtiges Prinzip ist dabei in allen Räumen die Flexibilität. Alles kann bewegt und umgestellt werden, so dass immer wieder neue Räume entstehen. Was den Medienbestand anbelangt, stehen vor allem Non-Book-Medien im Vordergrund. Die Besucher haben beispielsweise auch die Möglichkeit, mit- oder gegeneinander an einer Playstationkonsole anzutreten.

Kinder-Akademie Fulda
Mit dem Leseclub „Die Bücherfresser“ und dem „Leseclub Junior“ (für Kinder der 5. und 6. Jahrgangsangsstufe) gelang es der Kinder-Akademie Fulda, zwei Projekte zu initiieren, die die Freude am Lesen nachhaltig fördern, stabile Lesekarrieren aufbauen, und das Abenteuer- und Spaßpotenzial von Literatur vermitteln. Die Projekte sind aus dem saisonalen Leseprojekt „Goldener Bücherwurm als Lesetipp“ entstanden, und wurden in Kooperation mit der Hochschul-, Landes- und Stadtbibliothek Fulda ausgetragen. Der Leseclub „Die Bücherfresser“ besteht bereits seit 2008, wegen der großen Nachfrage folgte im Herbst 2010 schließlich der „Leseclub Junior“.

In den beiden Leseclubs treffen sich alle zwei Wochen lesebegeisterte Kinder und Jugendliche und beschäftigen sich mit Literatur: Beim ersten Treffen jedes Schuljahres nehmen die jungen Leser sämtliche Novitätenprospekte der Kinder- und Jugendbuchverlage in Augenschein und wählen aus diesen besonders interessante Titel aus. Nachdem die Bücher über die Verlage selbst oder den Buchhandel bezogen wurden, dürfen die Kinder und Jugendlichen Texte auswählen, die sie lesen und in der Gruppe besprechen wollen. Die Auswahl erfolgt nach intensiver Betrachtung von Cover, Klappentext und einem Anlesen der Bücher. Bei den weiteren Treffen werden jeweils zwei bis drei der Romane besprochen. Die besten Texte werden später auf einer Auswahlliste vermerkt und nach und nach rezensiert. Die Rezensionen für das Schuljahr 2011/2012 wurden von den Teamern der Kinder-Akademie gesammelt und so bearbeitet, dass das Rezensionsheft „Die besten Kinder- und Jugendbücher 2011/12“ entstand. Die Rezensionshefte liegen in der Kinder-Akademie Fulda, der Hochschul-, Landes-, und Stadtbibliothek sowie in den Mediatheken einiger Schulen aus und werden als Rückmeldung an die Kinder- und Jugendbuchverlage verschickt.

In einer Lesenacht bereiteten die Mitglieder beider Leseclubs Präsentationen vor, die eine Woche später in der Kinder-Akademie Fulda auch einer breiteren Öffentlichkeit (Lehrern, Eltern, Mitschülern, Bibliotheksmitarbeitern) vorgestellt wurden. Diesen Zuhörern wurde hier nicht nur neuer Lesestoff vorgestellt, mehr noch wurde ihnen dieser durch einstudierte Szenen aus einzelnen Büchern, Schattenfiguren und Plakate besonders nahe gebracht.

Schließlich entschieden sich die Leseclub-Mitglieder, sich einer neuen Herausforderung zu stellen und sich für die Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 und 2014 zu bewerben. Ein Vorhaben, das von Erfolg gekrönt war: Der Leseclub „Die Bücherfresser“ wurde von Josef Hecken, dem Staatssekretär des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in die Jury berufen.

Schul- und Stadtbücherei Liebenau
Mit dem Projekt „Es war einmal“ konnte die Schul- und Stadtbücherei Liebenau der Entwicklung entgegenwirken, dass das Kulturgut Märchen gerade bei Kindern immer mehr in Vergessenheit gerät. Das Projekt begann mit fünf Vorleseaktionen für Grundschüler der angrenzenden Diemeltalschule. Es wurde Wert darauf gelegt, dass Märchen mit unterschiedlichen Thematiken vorgelesen wurden: Feenmärchen ebenso wie Märchen aus 1001 Nacht, Tiermärchen ebenso wie jene der Brüder Grimm. Vorgelesen wurde nicht aus einem Märchenbuch, sondern von einer selbst erstellten Märchenschriftrolle, die nach und nach entrollt wurde. Im Anschluss an jede Vorleseaktion durften die Kinder selbst eine solche Schriftrolle mit nach Hause nehmen. Die märchenhafte Atmosphäre während der Veranstaltungen wurde zusätzlich noch dadurch verstärkt, dass der Stuhl für den Vorleser wie ein Thron ausgeschmückt war.

Um die Kinder dazu zu bringen, auch selbst aktiv zu werden, wurde in der Folge mit den Schülerinnen und Schülern der vierten Klassen das Theaterstück „Die goldene Gans“ eingeübt und später sowohl für die Kinder der Schule als auch für die Eltern aufgeführt. Letztere halfen zudem bei der Gestaltung des Bühnenbilds.

Im Mai 2012 bot die Schule interessierten Kindern an, auch einmal selbst ein Märchen zu schreiben. Sie wurden in die Bücherei eingeladen, wo sie, auch mit Hilfe der Anregungen des Bibliotheksteams, selbst kreativ werden konnten. Sogar einige Erstklässler, die das Schreiben gerade erst gelernt hatten, meldeten sich an. Die Märchen wurden später abgetippt, in einem Märchenbuch gesammelt und veröffentlicht. Dieses steht in der Bücherei zur Ausleihe bereit.

Einen Monat später lud die Bücherei schließlich noch den Märchenkoch Stefan Becker vom Spielraumtheater Kassel ein, der, mit Kochutensilien ausgestattet, zwei Märchen erzählerisch und kochend darbot.

Stadtbibliothek Offenbach am Main
Das Projekt „Bilderbuchkino in Rate-Mal-Sprachen“ wurde von der Stadtbibliothek Offenbach initiiert, um die interkulturelle Bibliotheksarbeit, die ein wichtiges Aufgabenfeld der Kinderbibliothek Offenbach darstellt, zu stärken. Dies geschieht vor dem Hintergrund des hohen Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund (ca. 55%), die in Offenbach leben, und der Benachteiligung dieser Menschen im Bildungssystem. Die Auftaktveranstaltung fand am 1. Dezember 2011 statt, in den Monaten Januar bis April 2012 folgten noch vier weitere Veranstaltungen.

Vom Projekt sollten sich die verschiedensten Familien angesprochen fühlen: Solche mit oder ohne Migrationshintergrund, einsprachig oder mehrsprachig aufgewachsene Kinder. So entwickelte sich die Idee, mit spielerischen Elementen in verschiedenen Sprachen vorzulesen und Kinder ab vier Jahren raten zu lassen, um welche Sprache es sich handelt. Mit dem Ziel, das Interesse der Kinder für andere Sprachen zu wecken und sie für diese zu sensibilisieren, wurden hierbei Sprachen ausgewählt, die häufig in Offenbach vorkommen oder in der Schule unterrichtet werden (Kroatisch, Italienisch , Türkisch , Griechisch, Englisch und Französisch). Hier fand die Bibliothek in der Volkshochschule Offenbach einen wichtigen Kooperationspartner.

Besonders wichtig war ein spielerischer und kreativer Zugang zu den Texten. Es wurde nicht nur gelesen, sondern auch gereimt, gesungen, nachgeahmt und gespielt. Die Veranstaltungen waren also so konzipiert, dass den Kindern ein sehr lebendiger und spielerischer Zugang zu den vorgelesenen Geschichten geboten wurde. So begrüßten sich die Kinder bei der Auftaktveranstaltung zuerst in den verschiedenen Sprachen. Dabei lief Musik im Hintergrund, und die Kinder sollten jedes Mal, wenn diese stoppte, zu einem anderen Kind laufen, ihm die Hand schütteln, und in einer von der Bibliothekarin vorgegebenen Sprache „Guten Tag“ sagen. Weil in der vorgelesenen Geschichte viele Tiere vorkommen, wurden die Kinder dann nach ihren Lieblingstieren gefragt, die dann rhythmisch mit Hilfe eines Tamburins nachgesprochen wurden. Während des Vorlesens ahmten die Kinder die Tiere dann nach, und sie erhielten Gegenstände, mit denen sie einzelne Episoden nachspielen sollten. Ferner wurden einige Szenen als Wettstreit zwischen der französischen und der kroatischen Sprache präsentiert. Passend zur Geschichte bastelten die Kinder schließlich einen Papagei.

An den insgesamt fünf verschiedenen Veranstaltungen nahmen 244 Kinder teil. Finanziert wurde das Projekt mit Hilfe einer Spende des Lions Clubs Offenbach Lederstadt, die zudem eine Erweiterung des Bestands an mehrsprachigen Bilderbüchern ermöglichte.

Kontakt:
Björn Jager
Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.
Waldschmidtstraße 4
60316 Frankfurt am Main
E-Mail: bjoern.jager@hlfm.de
Tel.: (069) 24 44 99 41
Internet: hessische-lesefoerderung.de

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