interview

Ranga Yogeshwar erhält die Karl-Preusker-Medaille 2012

31.10.2012

„Es geht um ein Stück Kultur“




Foto: Nina Yogeshwar
Foto: Nina Yogeshwar
Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar wurde am 31. Oktober 2012 in der Stadtbibliothek Köln vom Dachverband Bibliothek und Information Deutschland e.V. (BID) mit der Karl-Preusker-Medaille 2012 ausgezeichnet. Damit wird sein besonderes Engagement für Bibliotheken gewürdigt. Im Interview mit dem Deutschen Bibliotheksverband e.V. (dbv) verrät Ranga Yogeshwar, woher sein Interesse an Bibliotheken rührt. Der Einsatz hat familiäre Wurzeln, sagt er. Sein indischer Großvater, ein Bibliothekswissenschaftler, habe ihm die Bedeutung der kulturellen Einrichtungen bereits von Kindheit an vermittelt. So seien sie für ihn zu einer Lebenshaltung geworden. In der digitalen Gesellschaft hätten Bibliotheken nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt, meint Yogeshwar. Denn gute Bibliothekare seien auch in der Lage, den Lesern zu helfen, ihnen Orientierung zu bieten, Wissen zu ordnen, zu priorisieren. Diese Aufgaben würden heute immer wichtiger.

Herr Yogeshwar, Sie sind einem Millionenpublikum durch Fernseh-Shows bekannt, in denen Sie Naturwissenschaft allgemeinverständlich darstellen. Das sieht immer leicht aus. Ist Ihnen auch schon einmal etwas richtig schief gegangen?
Natürlich geht da immer mal wieder etwas schief. Deshalb muss man vorher gut darüber nachdenken, was man in einem solchen Fall tut. Vor einigen Jahren zum Beispiel bin ich in Düsseldorf an der Glasfassade der Staatskanzlei an Saugnäpfen hinaufgeklettert. Oben hat dann die Elektronik ausgesetzt. Da war ich froh, dass wir eine gute Sicherung hatten.

Warum arbeiten sie unter vollem körperlichem Einsatz und mit so hohem Risiko?
Unter vollem köperlichem Einsatz ja, aber nicht mit vollem Risiko. Vor einem Einsatz überlege ich genau, was ist, wenn. Das ist ganz entscheidend. Dann kann man auch relativ spektakuläre Aktionen machen. Ohne Sicherung würde das nur ein Hassardeur machen...

...aber woher kommt Ihre Motivation, Naturwissenschaften mit diesem Engagement zu vermitteln?
Ich denke, das hat zwei Gründe: Zum einen ist es für mich in vielen Bereichen eine Bewusstseinserweiterung, Dinge selbst zu erfahren. Mitte des Jahres war ich zum Beispiel in der Arktis. Wir haben bei minus 17 Grad übernachtet, und ich berichte nicht nur darüber, sondern weiß dann selbst, wie das ist. Das hat auch in der Vermittlung eine andere Qualität. Ich gebe nicht nur Angelesenes weiter, sondern etwas, das ich selbst erfahren habe. Ich kann also anders darüber berichten. Ich verstehe mich in meinen Sendungen nicht einfach als Moderator, sondern als jemand, der Dinge auch inhaltlich vermittelt. Und das geht sehr viel besser mit eigener Erfahrung.

Sie sind für Ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet worden. Jetzt kommt eine weitere Auszeichnung hinzu, die Karl-Preusker-Medaille der Bibliotheken. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Also, sie hat für mich vor allem einen sehr schönen, familiär begründeten Aspekt. Mein Großvater war ein recht bekannter indischer Bibliothekswissenschaftler. Ich bin also mit Bibliotheken und Bibliothekaren aufgewachsen. Das System Bibliothek ist für mich dadurch zu einer gewissen Lebenshaltung geworden. Dass die Bibliotheken auch mein Engagement wertschätzen, freut mich außerordentlich.

Was meinen Sie mit Lebenshaltung?
Wir haben heute in unserer modernen Welt eine sehr starke Fokussierung auf materielle Dinge. Aber es gibt noch eine andere Qualität im Leben. Eine inhaltliche, kulturelle jenseits des Kommerzes. Sie lebt davon, dass man von einer Sache wirklich begeistert ist. Das ist ein Stück Kultur, das man nicht in Euro und Cent ausdrücken kann. Diese Haltung hat mir mein Großvater vermittelt, der selbst materiell sehr bescheiden gelebt hat, obwohl er sich Vieles hätte leisten können. Einen Großteil seines Vermögens hat er lieber in eine Stiftung für Studenten investiert. Er wollte damit sagen, es gibt Wichtigeres im Leben als profane materielle Dinge.

Sehen Sie Bibliotheken als Kontrapunkt zu einer kommerzialisierten Welt?
Bibliotheken stehen ja für einen Grundsatz, nämlich: Wissen zu teilen, Orte zu haben, an denen man nicht bezahlen muss. In unserem Leben muss man doch für alles bezahlen. Bibliotheken hingegen sind sehr lebendige Beweise dafür, dass es in einer Gesellschaft um mehr geht als um Sonderangebote und Schnäppchenpreise.

Brauchen wir Bibliotheken im digitalen Zeitalter denn überhaupt noch?
Das ist doch überhaupt keine Frage. Bibliotheken erfüllen für unsere Gesellschaft so viele Funktionen. Sie sind nicht nur Orte, an denen Bücher und Wissen gespeichert werden. Gute Bibliothekare sind auch in der Lage, den Lesern zu helfen, ihnen Orientierung zu bieten, Wissen zu ordnen, zu priorisieren. Diese Aufgaben werden immer wichtiger. Gerade im Internet kursiert so viel Wissen, das nicht verifiziert ist.

Aber werden Bibliotheken auch als Orte gesucht?
Gerade als Orte haben Bibliotheken besondere Qualitäten. Wir hängen doch nicht nur alle isoliert vor Bildschirmen. Wir sind soziale Wesen und brauchen gemeinsame Orte. Diese Funktion erfüllen Bibliotheken bestens. Man trifft sich dort und kann dennoch allein oder in Gruppen miteinander konzentriert arbeiten. Zudem gibt es in Bibliotheken auch Leseförderungen, Bibliotheksnächte, Veranstaltungen und vieles mehr. Dabei geht es immer um ein Miteinander. Bibliotheken sind lebende Organismen wie schon mein Großvater gesagt hat.

Bibliotheken verändern sich auch selbst durch die neuen digitalen Medien. Ist das zu ihrem Vorteil?
Oh, ja, sie verändern sich derzeit gewaltig. Aber das muss ja nicht zwangsläufig ein Nachteil sein. Wichtig ist vor allem, dass Wissen unabhängig vom Portemonnaie des Nutzers verfügbar bleibt. An diesem Konsens darf sich nichts ändern. Nur weil ein Medium digital ist, nur weil ein Zugang zu Wissen ein anderer wird, muss sich die Grundhaltung dazu doch nicht ändern. Ich plädiere ganz klar dafür, dass es ein Recht darauf gibt, freien Zugang zu digitalen Medien wie E-Books oder E-Journals zu bekommen. So wie es auch bei den Medien der vordigitalen Stufe ist.

Da werden Ihnen die Verleger, die das alles bezahlen, heftig wiedersprechen?
Man kann diese Debatte natürlich in kommerziellen Kategorien betrachten und sich fragen, wer am meisten profitiert, die Verlage, die Suchmaschinen, die Leser? Aber es geht auch um ein Stück Kultur, das man mit aller Konsequenz bewahren muss. Mir fehlt dazu eine offensive Politik, die klipp und klar sagt: Am freien Zugang wird nicht gerüttelt und wenn ein E-Book-Publizist hier in Deutschland tätig wird, muss er das akzeptieren. Ansonsten würde Wissen sehr schnell zu einer kommerziellen Ware pervertiert werden. Genau das steht in krassem Widerspruch zu unserer Kultur.

Wie können sich Bibliotheken in dieser Debatte verhalten?
Ich glaube, wir stehen da ganz am Anfang. Der User muss bestimmte Inhalte kostenlos nutzen können, zwar zeitlich befristet, aber auch zu Hause am eigenen Bildschirm. Was Bibliotheken derzeit über die e-Ausleihe anbieten, finde ich genau richtig. Dazu brauchen sie aber entsprechende Lizenzen von den Verlagen. Darauf müssen sie drängen. Das sage ich auch als Autor. Bei meinen Lesungen sage ich den Zuhörern ganz klar: Kaufen Sie das Buch nicht, wenn Sie es nicht lesen und bedenken Sie, dass es das Buch auch hier um die Ecke in der Bibliothek gibt. Da schimpft mein Verleger oft auf mich. Aber auch im Printsektor haben wir einen Wandel, bei dem es immer weniger um Inhalte geht und immer mehr um Bestseller-Listen und Umsätze. Das ist nicht meine Haltung.

Sie setzen in Ihren Fernsehsendungen auf eine moderne Art der Wissensvermittlung. Könnten Bibliotheken davon etwas lernen?
Also Tipps möchte ich nicht geben, das wäre vermessen. Wir haben schon sehr gute Bibliotheken in Deutschland. Ich bin zum Beispiel mit Michael Knoche, dem Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, befreundet. Dort können Sie gerade im Neubau in fantastischen Arbeitszonen sehr ruhig, sehr fokussiert arbeiten. Also, wenn ich in Weimar leben würde, dann würde mich das richtig jucken, dorthin zu gehen. Die Bibliothek ist zudem umfangreich mit elektronischen Medien ausgestattet. Das sind Pfunde, mit denen sie wuchern sollten. Zudem sind sie nach wie vor Nestor von Inhalten, also eine Orientierungshilfe im Ozean der digitalen Daten. Da brauchen wir Experten, die sich auskennen.

Aber das alles kostet auch viel Geld. Woher soll das kommen?
Das Geld ist doch da. Es ist vielmehr so, dass die politische Prioritätenliste falsch ist. Mir soll keiner erzählen, dass in einem der reichsten Länder der Welt nicht genug Geld für Bibliotheken vorhanden ist. Gerade in Deutschland geht es um Köpfe. Bibliotheken spielen dabei eine zentrale Rolle, gerade in ihrer Arbeit vor Ort in der Kommune. Sie haben einen offensiven Kulturauftrag. Da sollte es eine politische Selbstverständlichkeit sein, dass sie dazu in die Lage versetzt werden. Stattdessen kämpfen viele Bibliotheken mit ihrer katastrophalen Ausstattung. Sie erhalten nicht genügend Mittel und werden im Stich gelassen. Neben der politischen ist es aber auch eine Frage der gesellschaftlichen Haltung. Nehmen Sie meine Familie und mich. Wir könnten uns natürlich Bücher auch einfach kaufen. Aber meine Kinder gehen regelmäßig bei uns in die Stadtbibliothek. Weil sie diese Haltung haben.

Ihre Kinder gehen regelmäßig in die Bibliothek. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Bibliotheksbesuch?
Ja, das war in Luxemburg-Stadt. Dort bin ich ja aufgewachsen und die Bibliothek befand sich neben der Kathedrale. Ich erinnere mich an die Katalog-Kästen. Ich war überwältigt von den Kärtchen, weil es zu jeder Karte auch ein Buch gab. Das fand ich faszinierend und habe zu Hause gleich für meine wenigen Bücher auch einen solchen Katalog angelegt.

Sie sind zum Teil auch in Indien aufgewachsen. Ist das Bibliothekssystem dort mit dem in Deutschland vergleichbar?
Ich glaube, die Idee der Bibliotheken ist im kollektiven Bewusstsein der Menschen in Indien präsenter und dominanter. Es gibt zum Beispiel viele Bibliotheken, die Tag und Nacht geöffnet sind. Es ist für mich schon ein wenig absurd, dass hier in Deutschland Tankstellen oder Kioske rund um die Uhr geöffnet haben, nicht aber Bibliotheken.

Wann waren Sie selbst denn das letzte Mal in einer Bibliothek?
Das war vor unserem Urlaub. Da haben wir uns mit Lektüre eingedeckt. Ich muss aber ehrlicherweise sagen, dass ich unsere Stadtbibliothek heute eher mit meinen Kindern nutze. Für die Fachliteratur, die ich brauche, gehe ich in der Regel in wissenschaftliche Bibliotheken. Zurzeit stehe ich auch in Kontakt mit einer Bibliothek in Lissabon. Dort werde ich demnächst hinreisen, um mir einige Originalschriften anzusehen.

Was wünschen Sie den Bibliotheken für die Zukunft?
Ich wünsche Ihnen, dass sie eine Zukunft haben. Eine, die intensiv in dieser Gesellschaft verankert ist, und die mit all der Liebe, derer die Bibliotheken bedürfen, gefördert wird.

Autor: dbv

Die Karl-Preusker-Medaille
Mit der Karl-Preusker-Medaille werden seit 1996 Personen und Institutionen ausgezeichnet, die den Kultur- und Bildungsauftrag des Bibliotheks- und Informationswesens wirkungsvoll fördern und unterstützen. Benannt ist die Medaille nach Karl Benjamin Preusker (1786-1871), der als einer der Pioniere des öffentlichen Bibliothekswesens in Deutschland gilt. Er gründete am 24. Oktober 1828 im sächsischen Großenhain eine Schulbibliothek, aus der wenig später die erste öffentliche Bibliothek in Deutschland hervorging.

Der Deutsche Bibliotheksverband e.V. (dbv)
Im Deutschen Bibliotheksverband e.V. (dbv) sind ca. 2.000 Bibliotheken aller Sparten und Größenklassen Deutschlands zusammengeschlossen. Der gemeinnützige Verein dient seit mehr als 60 Jahren der Förderung des Bibliothekswesens und der Kooperation aller Bibliotheken. Sein Anliegen ist es, die Wirkung der Bibliotheken in Kultur und Bildung sichtbar zu machen und ihre Rolle in der Gesellschaft zu stärken. Zu den Aufgaben des dbv gehört auch die Förderung des Buches und des Lesens als unentbehrliche Grundlage für Wissenschaft und Information, sowie die Förderung des Einsatzes zeitgemäßer Informationstechnologien.

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