Bericht

Leselust to go

24.10.2012

Elektronische Ausleihe ermöglicht Bibliotheksbesuche zu jeder Zeit




© dbv, Leo Pompinon
© dbv, Leo Pompinon
Ein Buch zu lesen, ist auch nicht mehr das, was es mal war. Zumindest nicht für technikaffine Menschen. Sie blättern heute längst nicht mehr nur in gedruckten Werken aus Papier, sondern laden sich ihren Lesestoff auch direkt aus dem Internet auf kleine mobile Lesegeräte. E-Book-Reader, Tablet-PCs und sogar Smartphones bieten heute die Möglichkeit, hunderte, gar tausende Bücher und Zeitschriften in der Tasche mit sich zu tragen. Leselust hat die neuen Medien erobert.

E-Books werden in Deutschland immer öfter verkauft. Elf Prozent der Bundesbürger lesen bereits digitalisierte Bücher, teilte der High-Tech-Verband BITKOM jüngst mit. Laut dem Marktforschungsunternehmen Media Control wurden allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 4,6 Millionen kostenpflichtige elektronische Bücher heruntergeladen. Das waren fast so viele wie im gesamten Jahr 2011. Auch der E-Book-Anteil am Buchmarkt sei insgesamt gesteigert worden. Rangierte er 2011 noch bei einem Prozent, so lag er im ersten Halbjahr 2012 mit zwei Prozent schon doppelt so hoch.

Diesen Trend spüren auch die Bibliothekare in Deutschland. Immer mehr ihrer Leser schätzen die Vorteile von E-Books und elektronischen Zeitungen oder Zeitschriften. Sie laden sich die neuesten Bestseller, politische Wochenzeitungen oder wissenschaftliche Aufsätze aus dem Angebot der Bibliotheken auf ihre tragbaren Lesegeräte. „Die neuen Geräte bestimmen immer stärker die Nachfrage unserer Nutzer“, sagt Barbara Lison. Sie leitet die Stadtbibliothek Bremen, ist Mitglied im Vorstand des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. (dbv) sowie im Vorstand der internationalen Bibliotheksvereinigung IFLA. Die Stadtbibliothek Bremen bietet mittlerweile 17.000 elektronische Titel an. Im Jahr 2008 seien es knapp 8.000 gewesen. „Inhalte werden zunehmend mobil, weil es immer mehr Nutzer von mobilen Endgeräten gibt“, sagt Lison.

Insgesamt sind derzeit mehrere zehntausend elektronische Titel über Bibliotheken in Deutschland verfügbar. Doch was die Kunden freut, stellt die Einrichtungen gleich vor eine Reihe von Problemen. „Wenn wir die nicht in den Griff bekommen, steht die Zukunft der Bibliotheken auf dem Spiel“, sagt Barbara Schleihagen, die Geschäftsführerin des dbv.

Ein Bibliotheksbesuch wird unabhängig von Ort und Zeit
Die elektronische Ausleihe funktioniert für die Nutzer der Bibliotheken äußerst komfortabel. Sie besuchen einfach die Seite der Bibliothek, bei der sie als Leser eingeschrieben sind. Dort wählen sie aus, was sie sich aus dem Angebot herunterladen wollen. Mit wenigen Klicks haben sie dann unabhängig von Ort und Zeit die Datei auf ihrem Gerät und können sie für einen festgelegten Zeitraum nutzen. Nach Ablauf dieser Frist wird die Datei automatisch gesperrt und ein anderer Bibliothekskunde kann sie sich herunterladen.

Was sich so einfach anhört, ist jedoch hinter den Kulissen mit einem enormen Aufwand verbunden. Um die elektronische Ausleihe anbieten zu können, müssen sich die Bibliotheken zunächst eine technische Grundausstattung anschaffen. „Das kostet je nach Größe der Bibliothek und nach den Funktionen, die sie anbieten will, mehrere tausend Euro“, sagt Barbara Schleihagen. Technisch ist damit sichergestellt, dass die Leser von der Internetseite der Bibliothek auf die Dateien, die sie sich herunterladen wollen, zugreifen können. „Doch die Finanzsituation gerade der öffentlichen Bibliotheken macht das vielerorts unmöglich“, sagt Schleihagen. „Gerade kleinere Bibliotheken haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, solche Investitionen zu tätigen.“ Wie eine aktuelle Erhebung des dbv zeigt, wird landauf landab bei den Einrichtungen gespart. „Bei jeder fünften Bibliothek werden derzeit die Mittel gekürzt“, weiß die dbv-Geschäftsführerin.

Dabei ist die Anfangsinvestition längst nicht alles, was die Bibliotheken für ein elektronisches Angebot einkalkulieren müssen. Für jedes Medium, das sie über die elektronische Ausleihe anbieten, müssen sie eine Lizenz erwerben – quasi anstelle des gedruckten Exemplars. Schließlich kaufen sie nicht ein Werk aus Papier, sondern lediglich die Zugriffsmöglichkeit auf einen Datenpool. „Der durchschnittliche Preis einer solchen Lizenz beträgt bei uns 15 Euro“, sagt Dr. Jörg Meyer. Er ist der Geschäftsführer der DiViBib GmbH. Das Unternehmen ist eines in Deutschland, das mit den Verlagen die Lizenzen für die elektronischen Werke aushandelt und sie anschließend den Bibliotheken anbietet.

Allein um die Lizenzgebühr geht es in dieser Konstellation von Bibliotheken und Verlagen jedoch nicht. „Verlage sind Wirtschaftsunternehmen“, sagt Meyer. „Sie haben also ein ureigenstes Interesse, mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen.“ Bibliotheken seien für sie einerseits Umsatzbringer. „Andererseits sind die Verlage bei den Verhandlungen natürlich darauf bedacht, ihre Marktanteile zu schützen“, sagt Meyer. „Sie haben die Sorge, dass sich Inhalte übers Internet verbreiten, ohne dass die Rechteinhaber eine angemessene Vergütung erhalten.“ Wer sich ein Buch kostenlos downloaden könne, kaufe weder eine digitale noch eine gedruckte Version, so die Befürchtung der Verlage.

Wer bestimmt, was Bibliotheken anbieten?
Die Folge dieser Angst vor Kannibalisierung – wie der befürchtete Effekt der Bibliotheksausleihe von manchen Verlegern genannt wird – ist, dass einige Verlage überhaupt nicht über Bibliothekslizenzen verhandeln. Andere Rechteinhaber wollen wesentlich mitbestimmen, wie die Lizenzen für die Bibliotheken gestaltet werden. Aus Sicht der Bibliothekare wirft das existenzielle kulturpolitische Fragen auf. „Bei den Verhandlungen stellten viele Verlage Bedingungen, etwa wie lange ein E-Book von der Bibliothek an deren Kunden ausgeliehen werden darf“, sagt Klaus-Peter Böttger, der Direktor der Stadtbibliothek Essen und Präsident des Europäischen Bibliotheksverbandes EBLIDA. „Die Verlage bestimmen also letztendlich mit, was wir unseren Lesern anbieten können.“

Für Barbara Schleihagen steht damit sogar die Gewährleistung der Informationsfreiheit auf dem Spiel. „Wenn wichtige Neuerscheinungen nur noch als E-Book publiziert werden und die Öffentlichen Bibliotheken von den Verlagen nicht lizenziert werden, würden die Verlage maßgeblich die Bestands- und Angebotsentwicklung der Öffentlichen Bibliotheken bestimmen“, sagt sie. „Sie würden also indirekt beeinflussen, was den Bürgerinnen und Bürgern öffentlich zugänglich ist und was nicht.“

Dass dieses Szenario nicht unwahrscheinlich ist, zeigt sich gerade in den USA. Dort verkaufen drei große Verlage keine Lizenzen mehr an Bibliotheken. Die 169 Millionen Nutzer haben folglich keinen öffentlichen Zugang mehr zu diesen Publikationen.

Die Bibliothekare könnten sich eine Lösung des Problems über das Urheberrecht vorstellen. „In seiner jetzigen Form ist es noch auf die physische Welt ausgerichtet“, sagt Barbara Lison aus Bremen. „Doch die elektronischen Formate, die ein Buch substituieren, sollten auch wie ein Buch anerkannt sein.“

Schließlich bestehe ein ideeller Inhalt unabhängig vom Trägermedium. Wenn eine Bibliothek eine Lizenz erworben habe, solle sie deshalb damit weiteragieren können, wie mit einem gedruckten Buch. „Um unseren Bildungsauftrag erfüllen zu können, brauchen wir ein faires Verleihrecht auf der Basis eines modernisierten Urheberrechts“, sagt Lison. Derzeit aber gehe die technische Entwicklung noch der rechtlichen voraus.

So wird das E-Book derzeit nur in einem Bereich dem gedruckten Buch gleichgestellt: bei der Anwendung der Buchpreisbindung beim Kauf eines E-Books. Ihre Anwendung ist bereits gesetzlich geregelt und ergibt sich aus Paragraph 2 Absatz 1 Ziffer 3 BuchPrG, wonach Bücher im Sinne des Gesetzes alle Produkte sind, die „Bücher ... substituieren und bei Würdigung der Gesamtumstände als überwiegend verlags- oder buchhandelstypisch anzusehen sind...“ In der Praxis gibt es aber gar keinen echten „Verkauf“ von Buch-Dateien, sondern nur die Übertragung bestimmter Nutzungsrechte auf dem Wege der Lizenz. Beim „Verkauf“ an Bibliotheken kommt hinzu, dass diese für den Verleih noch zusätzliche Rechte erwerben müssen, die die Endnutzer überhaupt nicht benötigen. Diese betreffen etwa die Verbreitung oder die Übertragung auf verschiedene Geräte.

Unterdessen gehen sämtliche Beteiligte davon aus, dass sich der Bereich der elektronischen Ausleihe bei den Bibliotheken auch in den kommenden Jahren ausweiten wird. „Im Jahr 2007 sind wir mit vier Pilotbibliotheken gestartet“, sagt Jörg Meyer von der DiViBib. „Mittlerweile nutzen gut 500 Bibliotheken dieses Angebot und ihre Zahl wird weiter steigen.“ Allein die Divibib bietet den Bibliotheken derzeit rund 40.000 elektronische Titel an. „In diesem Jahr werden wir 7000 bis 9000 Neuerscheinungen in unser Angebot aufnehmen“, sagt Meyer. Dazu verhandele das Unternehmen mit rund 400 Verlagen.

Auf den E-Book-Express springen derweil auch andere Anbieter auf. Die Firma Amazon bietet neuerdings einen Leihdienst für 29 Euro Jahresgebühr an. Dafür können die Kunden ein E-Book pro Monat ausleihen. Auch Kunden der Internet-Plattform libreka haben die Möglichkeit, digitale Titel zu mieten.

„Die Position der Bibliotheken in der digitalen Welt muss gestärkt werden“, meint Klaus-Peter Böttger aus Essen. „Sie brauchen einen breiten Zugang zu elektronischen Medien, um ihren Bildungsauftrag erfüllen zu können und dürfen deshalb nicht von diesem neuen Marktsegment abgeschnitten werden.“ Letztlich sei das auch zum Vorteil der Verlage. Aus eigener Erfahrung wisse er, dass Bibliothekskunden auch zum Stöbern kämen. „Aus einem Stöbern wird schnell ein Kauf“, weiß Böttger. Das sei bei E-Books nicht anders als bei gedruckten Werken.

Die Technik hinter der elektronischen Ausleihe:
Unternehmen wie die DiViBib GmbH aus Wiesbaden oder die Ciando GmbH aus München handeln mit Verlagen Lizenzen zur Nutzung elektronischer Inhalte aus. Diese Lizenzen bieten sie den Bibliotheken an, die dann aus einer Datenbank auswählen können, welche Titel sie ihren Nutzern zur Verfügung stellen wollen.
Die Bibliothekskunden haben anschließend die Möglichkeit, diese Titel über die Website der Bibliothek von einer einheitlichen technischen Plattform auf ihren eigenen Computer, ihren Tablet-PC, ihr Smartphone oder E-Book herunterzuladen. Jede Datei enthält durch einen technischen Schutz ein „Verfallsdatum“. So ist sie nach dem Download nur für einen bestimmten Zeitraum nutzbar. Anschließend steht der Titel anderen Nutzern wieder zur Verfügung.
Dieses Lizenz-Modell wird serielle Ausleihe genannt, weil immer nur ein Leser ein Werk nutzen kann. Bibliotheken wünschen sich unter anderem eine parallele Ausleihe, bei der über eine Lizenz gleichzeitig mehrere Leser Zugriff auf ein Werk hätten.

Aktionswoche „Treffpunkt Bibliothek“ vom 24. bis 31. Oktober 2012
Die bundesweite Aktionswoche „Treffpunkt Bibliothek“ wird bereits zum fünften Mal vom Deutschen Bibliotheksverband e.V. (dbv) koordiniert. Vom 24. bis 31. Oktober 2012 präsentieren sich Bibliotheken in ganz Deutschland als Partner für Medien- und Informationskompetenz sowie für Bildung und Weiterbildung. Sie veranstalten Lesungen, Ausstellungen, Workshops, Events, Bibliotheksnächte und viele weitere Aktionen, die im gemeinsamen Terminkalender unter www.treffpunkt-bibliothek.de zu finden sind. Der thematische Schwerpunkt lautet in diesem Jahr „Horizonte“. Die Aktionswoche wird großzügig vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und von zahlreichen prominenten Aktionspaten unterstützt.

Der Deutsche Bibliotheksverband e.V. (dbv)
Im dbv sind ca. 2.000 Bibliotheken aller Sparten und Größenklassen Deutschlands zusammengeschlossen. Der gemeinnützige Verein dient seit mehr als 60 Jahren der Förderung des Bibliothekswesens und der Kooperation aller Bibliotheken. Sein Anliegen ist es, die Wirkung der Bibliotheken in Kultur und Bildung sichtbar zu machen und ihre Rolle in der Gesellschaft zu stärken. Zu den Aufgaben des dbv gehört auch die Förderung des Buches und des Lesens als unentbehrliche Grundlage für Wissenschaft und Information, sowie die Förderung des Einsatzes zeitgemäßer Informationstechnologien.

Autor: dbv

Kontakt:
Deutscher Bibliotheksverband e.V.
Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin,
Tel.: (030) 644 98 99 12
E-Mail: dbv@bibliotheksverband.de
Internet: www.bibliotheksverband.de, www.bibliotheksportal.de

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