interview

Leseförderung beginnt in der Familie!

10.09.2012

Interview mit Professor R. Malatesha Joshi, Texas A&M University




Prof. R. Malatesha Joshi
Prof. R. Malatesha Joshi
Professor R. Malatesha Joshi hat an unterschiedlichen Universitäten unterrichtet. Seit dem Jahr 2000 lehrt er Lese- und Sprachentwicklung, Englisch als Zweitsprache und Bildungspsychologie am College of Education and Human Development der Texas A&M University. Joshi erwarb seinen Doktortitel im Bereich der Leseförderung (Reading Education, PhD) an der University of South Carolina. Dieses Forschungsgebiet bildet den Schwerpunkt seiner Tätigkeit. Weitere Forschungsinteressen sind: Bilingualismus und Lesekompetenz bei Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, differentielle Diagnostik und Intervention bei Lese- Rechtschreibstörungen, Erwerb von Lesekompetenz in verschiedenen Sprachen, Lesen, Orthographie und Dyslexie. Darüber hinaus ist Professor Joshi ein Fachmann für international vergleichende Lese- und Schreibforschung. Unter anderem ist er Herausgeber der Fachzeitschrift Reading and Writing: An Interdisciplinary Journal. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Scientific Studies of Reading. Weiterhin ist er Mitglied in der Society for the Scientific Study of Reading (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Leseforschung).
Im Jahr 2010 verbrachte Prof. Joshi einen zweimonatigen Forschungsaufenthalt in Deutschland und wurde als Erasmus Mundus Visiting Scholar gefördert. In diesem Rahmen lehrte er Orthographie und Literalität an der Universität Potsdam im Fachbereich Linguistik.
Im Sommer 2012 kam Prof. Joshi auf Einladung des IDeA-Zentrums nach Frankfurt am Main. Das IDeA-Zentrum, das im Rahmen der hessischen LOEWE-Initiative für wissenschaftliche Exzellenz gefördert wird, thematisiert individuelle  Lernerfahrungen von Kindern im Hinblick auf Risikobedingungen. Maßgeblich beteiligt sind  hier die Goethe-Universität Frankfurt, das Sigmund-Freud Institut  und das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Während seines Gastaufenthaltes als Visiting Research Scholar des IDeA-Zentrums konnten wir ein Gespräch mit ihm führen, das wir im folgenden Interview wiedergeben.

Herr Joshi, Sie kennen sich auf dem Gebiet der Leseförderung aus und haben viele Länder bereist. Wie würden Sie Leseförderung definieren?
Zunächst einmal denke ich, dass die Lesekompetenz nicht nur für den Menschen als Individuum wichtig ist, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes. Wer Probleme mit dem Lesen hat, wird im Laufe seines Lebens alle möglichen Schwierigkeiten erfahren. Daten aus den Vereinigten Staaten haben Zusammenhänge zwischen Leseschwierigkeiten und bestimmten anderen Problemen aufgezeigt (soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Probleme). So gibt es beispielsweise in Staaten mit einer hohen Rate an Analphabeten mehr Gefängniszellen. Aus Mississippi und Kalifornien ist bekannt, dass die Anzahl an Grundschülern, die im dritten oder vierten Schuljahr Leseschwierigkeiten aufweisen, Hinweise darauf liefert, wie viele Gefängniszellen neun oder zehn Jahre darauf benötigt werden. Daher behandelt die US-amerikanische Gesundheitsbehörde (National Institutes of Health) den Analphabetismus als Problem der öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Vermutlich trifft dieser Zusammenhang auch auf andere Staaten zu, besonders auf die westlichen Industrienationen. Allerdings gibt es bisher keine entsprechenden Daten für andere Länder.

Sie lehren an der Texas A&M University und Sie haben an vielen Leseforschungsprojekten mitgewirkt. Welches davon ist aktuell besonders relevant?
Momentan planen wir eine Zeitschrift zur Lesesituation in afrikanischen Ländern (Literacy in Africa / African Languages). In diesem Zusammenhang haben wir Forschungsarbeiten zum Lesen und Schreiben in Zambia durchgeführt. Dabei haben wir festgestellt, dass das Wissen um die Erstsprache die Lernenden beim Schreiben englischer Wörter unterstützt. Ein Computerprogramm namens Graphogame, das von finnischen Wissenschaftlern entwickelt wurde, setzten wir dazu ein, um Schülerinnen und Schülern das Buchstabieren zu vermitteln. Ich habe ein großes Interesse am Einsatz mobiler Technik zur Vermittlung von Lesekompetenzen. Über Hinweise auf vergleichbare Projekte würde ich mich daher sehr freuen.

Sie haben im Bereich der Diagnose und Behandlung von Lese-Rechtschreibstörungen gearbeitet. Hätten Sie Ideen, wie Kinder mit solchen Lese-Rechtschreibstörungen zum Lesen motiviert bzw. für das Lesen begeistert werden könnten?
Die Familie und die Schule sind die umittelbaren Sozialisationsorte von Kindern, daher kommt ihnen bei der Förderung von Lesekompetenz eine Schlüsselrolle zu. Von empirischen Untersuchungen wissen wir, dass die Anzahl der Bücher im Elternhaus ein verlässlicher Indikator für die Lesekompetenz eines Kindes ist. Kinder sollten zu einem möglichst frühen Zeitpunkt in ihrem Leben erste Erfahrungen mit dem Lesen machen. In den USA und in einer Reihe anderer industrialisierter Länder gibt es natürlich eine Vielzahl an Programmen und Initiativen zur Förderung der Lesemotivation, wie etwa Schullesewettbewerbe oder spezielle Lesetage. In den USA bekannt sind beispielsweise das Programm DEAR - Drop Everything And Read und Spelling Bee. Ein typisches Beispiel für einen Lesewettbewerb wäre, dass sich eine Klasse auf das Lesen von 40 Büchern einigt. Wenn sie ihr Ziel innerhalb einer gesetzten Frist erreichen, werden die Kinder dann mit einer „Pizzaparty” belohnt und erfahren so, dass das Lesen lohnenswert ist.
Ein besonderes Problem stellt sich in Texas, wo viele Kinder aus Einwandererfamilien stammen. Zuhause sprechen sie Spanisch und können beim Schuleintritt mitunter kaum Englisch. Daher wurden zahlreiche Methoden zur Vermittlung von Englisch als Zweitsprache entwickelt, die im Grundschulunterricht auf vielfältige Weise eingesetzt werden.
Generell bin ich ein starker Befürworter des Bilingualismus. Weltweit ist eine hohe Anzahl an Menschen zwei-oder mehrsprachig. Wenn Kinder in der Entwicklung ihrer muttersprachlichen (erstsprachlichen) Lese- und Schreibkompetenz unterstützt werden, wird ihnen das Erlernen entsprechender Techniken in der Zweitsprache leicht fallen. Vor diesem Hintergrund ist es an sich unproblematisch, dass die Kinder zuhause Spanisch und in der Schule Englisch sprechen, solange der familiäre Hintergrund sich positiv auf das Lesen und Schreiben auswirkt und die Kinder von ihrer Familie beim Lesen und Schreiben unterstützt werden.

Sie sind Ko-Autor des Handbuchs „Becoming a Professional Reading Teacher: What to Teach, How to Teach, Why it Matters“. Welche Qualifikationen oder besonderen Eigenschaften würden aus Ihrer Sicht einen guten Lehrer bzw. eine gute Lehrerin für das Lesen und Schreiben auszeichnen?
Der Lese-Rechtschreibunterricht sollte systematisch und explizit erfolgen. Die Lehrerinnen und Lehrer sollten sich der Arbeit ernsthaft widmen und nicht einfach annehmen, dass die Kinder früher oder später sowieso lesen lernen werden. Wichtig ist auch, dass die Lehrerinnen und Lehrer sich im Bereich linguistischer Prinzipien und Regeln auskennen. Leider haben wir festgestellt, dass die Lehrkräfte oftmals nicht genügend Kenntnisse und Erfahrungen in diesem Bereich haben und die Regeln daher nicht an die Kinder weitergeben können.

Sie haben eine Studie durchgeführt, die sich mit der Übertragung von Lesekompetenzen von einer Sprache auf eine andere befasst: „Cross-language transfer of reading ability: Evidence from Taiwanese ninth-grade adolescents“. Gemeinsam mit Hui-Kai Chuang und L. Quentin Dixon haben Sie untersucht, wie sich die in der Erstsprache erworbenen Kompetenzen auf die Zweitsprache auswirken. Könnten Sie beispielhaft einige Ergebnisse der Studie aufzeigen?
Wir haben festgestellt, dass bilinguale Kinder im Vergleich zu einsprachig aufwachsenden Kindern über intellektuellere Fähigkeiten verfügen, um Lücken in der Zweitsprache auszugleichen. Beispielsweise fragten wir die Kinder, welches der Worte „hat“ oder „cat“ dem Wort „cap“ am ähnlichsten sei. Während einsprachige Kinder nur auf die oberflächliche phonetische Ähnlichkeit achteten und „cat“ wählten, bewiesen die bilingualen Kinder semantisches Wissen auf einer tieferen Ebene. Sie wählten daher das Wort „hat“, das eine ähnliche Bedeutung hat wie „cap“. Bilinguale Kinder achteten daher nicht nur auf die Orthographie, sie zeigten ein Verständnis für semantische Konzepte.

Eine Untersuchung des Erwerbs von Englisch als Zweitsprache ergab, dass Schülerinnen und Schüler in Abhängigkiet von ihrer Erstsprache unterschiedliche Fehler machen.
Der gleiche Englischtest wurde chinesischen und norwegischen Kindern vorgelegt, die auf etwa zwei Jahre Englischunterricht zurückblickten. Dabei stellten wir fest, dass norwegische Kinder, die ein bestimmtes Wort nicht kannten, eine Schreibweise ausprobierten, die ihnen plausibel schien. Beispielsweise buchstabierten sie das Wort „night“ „nite“ oder „neight“ – sie machten also phonemisch basierte Fehler. Die chinesischen Kinder dagegen schrieben „light“ oder „right“, d.h. sie ersetzten das ganze Wort, das sie nicht kannten, durch ein ganzes Wort, das ihnen vertraut war. Das chinesische Schriftsprachsystem beruht auf einer Korrespondenz zwischen Zeichen und ihrer Bedeutung. Chinesische Kinder übertrugen also das linguistische Konzept ihrer Erstsprache auf das Englische: Sie betrachteten Wörter als geschlossene Einheit, anstelle sie zu zerlegen.
Vor diesem Hintergrund scheint es sinnvoll, unterschiedliche Methoden beim Zweitsprachunterricht anzuwenden. Die Methoden könnten somit auf die linguistischen Konzepte zugeschnitten werden, die den Lernenden aus ihrer Erstsprache vertraut sind und die sie auf die Zweitsprache übertragen.

Hat ein Ereignis oder eine Erfahrung während Ihres aktuellen Besuches in Deutschland einen besonderen Eindruck bei Ihnen hinterlassen?
In Fulda fand ein zweitägiger Workshop für die Doktorandinnen und Doktoranden des DIPF statt, die PhD Academy. Die Studierenden haben sich so engagiert und sie alle arbeiten sehr hart. Ich denke, das DIPF setzt seine Ressourcen sehr gut ein.

An dieser Stelle danken wir Herrn Joshi für das Interview!


Das Interview führten Nadia Cohen, Dr. Gwendolyn Schulte und Christine Schuster, DIPF. Es wurde vom Englischen ins Deutsche transkribiert und übersetzt.

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Redaktionskontakt: schuster@dipf.de