Schülertext

Hallo, Moritz! - Ja, anders in Essen, ja!

24.01.2012

Ein literarischer Reiseführer aus der Perspektive von Essener Jugendlichen




Titelseite des Buches, © Geest-Verlag
Titelseite des Buches, © Geest-Verlag
Gemeinsam mit dem Chamisso-Preisträger José F. A. Oliver haben Schülerinnen und Schüler der Erich Kästner-Gesamtschule in Essen-Steele einen literarischen Reiseführer geschrieben. Einfühlsam und unterhaltsam berichten Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturen von ihren Lieblingsplätzen und von besonderen Orten in Essen. Die Rahmenhandlung bildet die Geschichte der Freundschaft zwischen dem blinden Pony Moritz und einem Rotkehlchen. Der kleine Vogel organisiert für seinen Freund eine Geburtstagsparty, auf der die Gäste von ihren Lieblingsorten in Essen erzählen. Nacheinander nehmen sie auf einem Strohballen Platz, stellen sich vor und schenken dem blinden Pony mit ihren Erzählungen Fantasiereisen zu besonderen Orten.

„Die Ruhr ... ist die Ader der pulsierenden Stadt Essen. Sie ist wild, aber doch ruhig. Sie fließt durch Essen und belebt die Stadt“, erzählt Andreas. Auch Joyce Vivian, Sümeyra, Julia, Elmast und Cansus berichten von ihren Erlebnissen und Lieblingsplätzen am Fluss. Betül schwärmt vom Volksgarten, Victoria-Anna von einem Feld in Essen-Freisenbruch und Lisa hat sich mit einem Stein im Park am Bürgerhaus angefreundet. Auch die Horster Schwimmbrücke, der Wald, das Sportzentrum Zeche Helene, das Georg-Melches-Stadion und sogar die McDonalds-Filiale am Essener Hauptbahnhof kommen in den Erzählungen der Geburtstagsgäste vor. Josephine lässt die große Laterne auf dem Kennedyplatz erzählen, Laura schenkt eine Geschichte vom Limbecker Platz und Ghezal bewundert den Brunnen im Einkaufszentrum. Am Ende, als Moritz einen Ort auswählen soll, den er gerne besuchen möchte, wird es richtig spannend. Wie er sich entscheidet, wird hier nicht verraten, aber für alle, die neugierig geworden sind, veröffentlichen wir die Geschichte von Husnia Haschemi (19).

Namaste*, Moritz! Alles, alles Gute zum Geburtstag! Bevor ich dir mein Geschenk gebe, möchte ich mich aber noch vorstellen: Ich bin Husnia. Ja, ich weiß, mein Name sagt dir nichts und klingt merkwürdig, nicht wahr? Aber du möchtest den Hintergrund erfahren? Ich weiß ja, dass du neugierig bist.
Also, mein Name kommt aus dem Persischen und bedeutet: „Der Glanz einer Blüte“. Dieser Name kommt eigentlich nicht häufig vor. Dennoch gibt es diesen Namen mehr als genug. Doch das sind nur allgemeine Feststellungen. Für meine Mutter hat er eine ganz andere Bedeutung. Als sie fünf Jahre alt war und noch in Afghanistan lebte, hatte sie eine Freundin, die Husnia hieß, und, wie üblich in dem Alter, haben sie immer zusammen gespielt. So begann ihre Freundschaft. Diese Freundschaft hat auch sehr lange gehalten. Je älter sie wurden, desto mehr Zeit haben sie miteinander verbracht. Für ihre Familien waren sie schon Familienmitglieder. Tag und Nacht haben sie miteinander verbracht, miteinander gelacht und geweint, geredet und geschwiegen, Sorgen und Kummer, Freude und Glück geteilt. Es hat einfach nichts zwischen ihnen gestanden.

Aber dann kam es zum Krieg in Afghanistan, und sie wurden voneinander getrennt. Meine Mum zog mit ihrer Familie nach Hawaii, und ihre Freundin Husnia blieb zurück in Afghanistan. So endete zwar die Freundschaft, doch für meine Mum blieb Husnia immer ein wichtiger Mensch in ihrem Leben, und sie wusste, dass sie Husnia nur in ihrer Gegenwart haben konnte, wenn sie den Namen weitergab. Also war es ganz klar für meine Eltern, dass ich diesen Namen erhalten würde.

Na ja, genug von mir. Jetzt komme ich lieber zu meinem Geschenk, von dem ich dir erzählt habe. Deine Reiterin, das heißt Rotkehlchen, war häufig bei mir essen. Ich habe sie oft bedient. Eines Tages kam es zu einem langen Gespräch zwischen uns, und ich erzählte ihr von dem wunderbaren Ort, den ich dir offenbaren möchte. Nun höre zu, es geht um die Stadtbibliothek Essen.

Weißt du, Moritz, diese Stadtbibliothek ist ein Ort, an dem ich sehr gerne bin. Wie du vielleicht ahnst, ist es eine ganz gewöhnliche Stadtbibliothek wie
jede andere auch. Man findet dort Bücher, Videos, Computerspiele und so weiter. Natürlich ist alles in Regalen und nach Jahreszahlen, Themen oder wie auch immer sortiert. Du findest hier alles, was du benötigst. Sogar Bücher über Pferde. Wäre doch interessant für dich, oder?! Na ja, ich erzähle dir jetzt einfach, was die Stadtbibliothek so besonders für mich macht.

Seit neun Jahren gehe ich regelmäßig in die Bibliothek um zu lernen. Gelegentlich mit Freunden, ab und zu aber auch allein. Während ich dann dort bin, mache ich alles andere als zu lernen. Bin ich mit Freunden da, sprechen und lachen wir über alles und jeden. Bin ich allein in der Bibliothek, denke ich über alles und jeden nach. Ein-, zweimal habe ich diese Erfahrung unbewusst gemacht, doch je öfter ich dort war, desto deutlicher wurde mir, dass ich dann nicht nur - oder gar nicht - lerne, sondern mehr nachdenke. Dennoch lerne ich immer dazu, obwohl ich nicht lerne.

In Anbetracht dessen, dass ich so oft nachdenke, lerne ich schließlich doch immer mehr über mich und meine Mitmenschen. Schon verwirrend, diese Menschen, oder Moritz?! Mich würde interessieren, was du jetzt gerade denkst ... Aber, zu deiner Beruhigung, nicht alle Menschen sind so. Für viele Menschen ist dieser Ort wirklich nur eine Bibliothek. Für mich jedoch ist die Stadtbibliothek nicht nur ein Ort, an dem ich Bücher ausleihen oder lernen kann. Nein, für mich hat sie einen ganz anderen Sinn. In ihr finde ich meist die Lösungen für meine Probleme. Ganz gleich, worum es sich bei ihnen handelt. Ob es um Freundschaften oder die Familie oder um Schule oder die Arbeit geht. Also, ob um Menschen oder irgendwelche Dinge, die Lösung steht immer für mich in der Bibliothek bereit.
Allerdings finde ich sie nicht in den Büchern, jedenfalls habe ich das noch nie mit einem Buch versucht. Die Antworten habe ich meist in mir drin. Insofern müsste ich ja überall an meine Lösungen kommen, doch es ist nicht so. Ich fühle mich an keinem Ort so wohl wie an diesem. An keinem Ort habe ich die Ruhe, die ich dort finde. Das Gefühl, alleine zu sein, nicht beobachtet zu werden, von allem und jedem fern zu sein, womit ich tagtäglich konfrontiert werde, und mich dennoch in der Öffentlichkeit zu bewegen, gibt mir das Gefühl, noch zu der Gesellschaft zu gehören, obwohl niemand in meiner Sichtweite ist.

Also, Moritz, wenn du auch einen Ort benötigst, an dem du dich beruhigen möchtest nach einem stressigen Tag, dann weißt du ja, wohin dich die Reise führen kann. Ich hoffe, mein Geschenk hat dir gefallen. Eine indische Lebensweisheit vielleicht noch: „Yeh hamara parampara ka sawal hai, hamara zindaghi ya qismat kya hai!“ Und damit du es auch verstehst: „Das ist die Frage unserer Tradition: Was wir aus unserem Leben und unserem Schicksal machen!“

Findest du nicht auch, dass die Tradition einen großen Einfluss auf unsere Erziehung hat, dementsprechend dann auch auf unser Verhalten? Die Bildung unseres Ichs ist auf den verschiedenen Traditionen, die wir durchleben, aufgebaut. Wir werden jeden Tag mit einer neuen Tradition konfrontiert, die wir meist unbewusst aufnehmen und zu unserem Alltag machen. Die Menschen leben unterschiedliche Traditionen aus verschiedenen Kulturen, die alle Menschen aber zusammenhalten. So ist auch das Leben zwischen den Menschen in Essen, Moritz!

Ich hoffe, ich konnte dein Interesse wecken, und du schaust irgendwann einmal vorbei. Wo du mich findest? Du weißt ja, wo du mich dann findest! Ich wünsche dir noch einen angenehmen und schönen Geburtstag.

Autorin: Husnia Haschemi (19)

* „Namaste“ ist eine Grußformel aus dem Sanskrit/Hindi und bedeutet so viel wie „Verehrung, dir“. Sie betont das Göttliche im anderen, ist also eine besondere Form der Ehrerbietung.


Über das Buch
„Hallo, Moritz“ ist etwas, das es so hier in Essen und anderswo noch nicht gegeben hat. Es ist die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem blinden Pony und einem Rotkehlchen. Das Pony rettet dem kleinen Vogel auf seinem Hof in Essen das Leben, so lernen die beiden sich kennen. Da Moritz, so heißt das Pony, bald Geburtstag hat, bedankt sich das Rotkehlchen bei ihm mit einer Überraschung. Es wird mit ihm den schönsten Ort in Essen besuchen! Doch wie findet man heraus, welches dieser schönste Ort ist? Da hat das Rotkehlchen eine grandiose Idee ...

Ein Buch voller Symbolik, das Räume öffnet hin zu denen, die unsere Zukunft sind. Was Jugendliche wohl heute prägt und bewegt?
Entstanden ist das Buch aus dem Kulturhauptstadtprojekt „Viele Kulturen – eine Sprache“, das die Ruhr 2010 GmbH gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung durchgeführt hat. Das Ziel war es, Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Kulturen zusammenzuführen und auf Deutsch so etwas wie einen Roman des Ruhrgebiets zu schreiben. Angeleitet wurden sie dabei fünf Monate lang von Autorinnen und Autoren, die selber eine Migrationsgeschichte haben. Fünf Schulen im Ruhrgebiet durften an dem Projekt teilnehmen, eine von ihnen war die Erich Kästner-Gesamtschule in Essen.

Sie hat mit dem Chamisso-Preisträger und auch sonst vielfach ausgezeichneten Lyriker und Essayisten José F. A. Oliver für die Stadt Essen zusammengearbeitet. Zwanzig EKG-Schülerinnen und Schüler zwischen 15 und 20 Jahren aus den unterschiedlichsten Kulturen haben im Kulturhauptstadtjahr 2010 geschrieben und geschrieben. Der literarische Reiseführer „Hallo, Moritz!“ ist das Ergebnis dieser Essener Zusammenarbeit.

Marco Albrecht, Julia Busch, Husnia Haschemi, Cansu Karadavut, Elmast Kaya, Ghezal Kohestani, Josephine Krause, Andreas Lüttenberg, Lisa Molzahn, Christian Rex, Virginia Sauerland, Joyce Schael, Laura Schneider, Özgen Sebat, Victoria-Anna Skipiol, Jonas Stopschinski, Laura Taplik, Viktoria Teister, Betül Yasar und Sümeyra Yildiz - so heißen die Autoren dieses völlig anderen Stadtführers für die Stadt Essen.

Im ungewöhnlich schönen 20,5 x 20,5 Format erschienen, ziert das Cover bereits ein von den Jugendlichen selbst gezeichneter Plan des Geländes, auf dem Moritz wohnt. Im Buch selber gibt es zahlreiche Grafiken und Fotos, die das Buch zu einer Entdeckungsreise werden lassen. Es ermöglicht eine ganz andere Reise hin zu den Lieblingsorten von Jugendlichen, hin zu ihrem Denken und Fühlen in der heutigen Welt. Eine Schatzkiste für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen, also für alle Altersgruppen.

Alfred Büngen, Geest-Verlag

Hallo, Moritz!
Geest-Verlag Vechta
236 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-86685-320-1


Kontakt:
Dr. Artur Nickel (Projektleiter)
Erich Kästner-Gesamtschule
Pinxtenweg 6 - 8
45276 Essen
Tel.: (02327) 974246
E-Mail: arturnickel@web.de



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