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Schülertext

Grüner Lorbeer® für zehn Schreibtalente aus Hessen

23.09.2011

Selbst erlebte Geschichten auf maximal zwei Seiten




Preisträger Grüner Lorbeer® 2011
Preisträger Grüner Lorbeer® 2011
© Eckenroth Stiftung für Medienkultur
Zehn Schülerinnen und Schüler aus Hessen wurden am 3. September in Eckenroth als Preisträger des Schreibwettbewerbs „Grüner Lorbeer®“ ausgezeichnet. Sieben von ihnen absolvierten gleich am Wochenende der Preisverleihung das erste Schreibtraining und haben nun die Chance, in das in Deutschland einzigartige Förderprogramm der Eckenroth Stiftung für Medienkultur aufgenommen zu werden. Ziel der Stiftung ist es, mithilfe des Schreibwettbewerbs talentierte Nachwuchsautoren zu entdecken und sie dann bis zur Berufsreife zu fördern. Am 12. Oktober 2011 um 14 Uhr lesen die jungen Autorinnen und Autoren ihre selbst erlebten Geschichten im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse.

Einblick in die Gefühlswelt von Teenagern
202 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 10 und 14 Jahren haben Geschichten für den Nachwuchspreis eingesandt. Petra Roth, Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main, ist Schirmherrin des diesjährigen Wettbewerbs. Seit 1998 wird er jährlich an Gymnasien, Gesamtschulen und in Tageszeitungen ausgeschrieben – in diesem Jahr nach 1999 und 2006 zum dritten Mal mit Schwerpunkt in Hessen.
In den Geschichten schildern die jungen Autorinnen und Autoren Gedanken, Gefühle und Situationen, die sie bewegen – vom Überwinden und Bewältigen von Herausforderungen über die erste Liebe bis zum Verlust eines Freundes oder von Familienangehörigen. „Schreibe eine selbst erlebte Geschichte auf maximal zwei Seiten“, lautete die Aufgabe.
„Das Lesen der Geschichten hat mir wirklich Spaß gemacht und mir nebenbei noch einen spannenden Einblick in die Gefühlswelt von Teenagern erlaubt“, kommentiert Jury-Mitglied Julia Melan vom SWR. Sie hat die Preisgeschichten zusammen mit fünf anderen Juroren ausgewählt. Wir veröffentlichen nachfolgend die prämierten Texte von Carola Jendrzok und Julia Wallrabenstein.


Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

von Carola Jendrzok, 13 Jahre, Bad Homburg v.d. Höhe

Wie hundert Kinder vor mir lernte ich, in jungen Jahren, Fahrradfahren. Anfangs fuhr ich mit Stützrädern und mein Vater lief nebenher. Lange Zeit übte ich so mit meinem Papa und auch mal mit meiner Mama. Irgendwann hieß es dann: „Ich lass dich jetzt los!“ Und bevor ich etwas sagen konnte, ließ mein Vater mich los. Schock, das Erste was ich fühlte war Schock, doch dieses Gefühl hatte ich schnell überwunden, denn es war ein berauschendes Gefühl. Ich hatte das Gefühl als könnte ich die ganze Welt umarmen.

Bald brauchte und wollte ich Papas oder Mamas Hilfe nicht mehr. Ich fuhr jetzt immer mehr auf Tempo, da ich, auf kleinen Radtouren, nicht mehr die langsamste sein wollte. An einem Samstag, glaube ich war es: Wir, also mein Vater, meine Schwester und ich, sind mit den Fahrrädern zu einem Parkplatz, wo keine Autos standen, gefahren, dort habe ich geübt schneller zu fahren. Der Parkplatz lag direkt neben einer Halle. Es führte eine Rampe vom Parkplatz zu der Halle hoch, und von der konnte man, wenn man links abbog, in die Halle gehen, ging man jedoch weiter, gelangte man sehr schnell an ein großes Schild, das vor dem Ende der Rampe warnte. Hinter dem Schild ging die Rampe fast 90 Grad nach unten.

Ich fuhr eine Zeit lang auf dem Parkplatz im Kreis, doch dann, ich weiß nicht was mich geritten hat, fuhr ich die Rampe hoch. Am Anfang registrierte ich gar nicht, dass ich die Rampe hoch fuhr, doch plötzlich sah ich das Schild auf mich zu kommen, immer näher kam es, wie verzweifelt suchte ich nach einer Lösung, um nicht mit dem Schild zu kollidieren, doch mir viel keine ein. Mein Herz fing an zu rasen. Hilflos musste ich mir das Schild ansehen, das immer näher kam und von dem ich nicht mehr meinen Blick lösen konnte. Ein lauter Ruf meines Vaters riss mich dann aus dieser Trance. Endlich kam mir der Gedanke zu bremsen. Ich wollte die Bremse ziehen, doch als ich das Schild und die Distanz zwischen mir und dem Schild sah, wusste ich eigentlich schon, das ich mein Fahrrad nicht mehr zum Stehen bringen konnte. Ich bremste trotzdem, doch das Schild war nur noch ca. 30 cm von mir entfernt und ich war viel zu schnell. 20 cm, gleich würde ich mit dem Schild kollidieren – doch ein Reflex bewahrte mich davor. In letzter Sekunde zog ich den Kopf ein. Eine Haaresbreite trennte meinen Kopf von der Unterseite des Schildes, so schoss ich, ohne mir den Kopf zu stoßen, unter dem Schild hindurch, plötzlich jedoch schwebte mein Vorderrad in der Luft, oh nein – die Rampe war zu Ende. In Zeitlupe sah ich plötzlich alles; das Schweben des Vorderreifens hielt nur ungefähr zweihundertstel Sekunden, doch mir kam es vor wie eine halbe Ewigkeit und in dieser Zeit fühlte ich mich leicht wie ein Vogel, doch dann neigte sich das Vorderrad nach vorne. Jetzt sah ich auf einmal den Boden und all die guten Gefühle zerplatzten, wie eine Seifenblase, und die Zeit lief wieder normal. Nun näherte sich der Boden meinem Gesicht in einer erschreckenden Geschwindigkeit. Vor Panik fiel mir nichts ein, meine Gedanken waren wie zugefroren. Fünfhundertstel Sekunden vor dem Aufprall schloss ich meine Augen. Ein Schmerz durchzuckte mich. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, was mir am meisten wehtat. Eine Hand berührte mich, ich wurde aufgerichtet, jetzt fing ich hemmungslos an zu weinen. Wir gingen schnell nach Hause, wo ich mich dann beruhigte.

Für ein Insekt muss mein Sturz ausgesehen haben, als würde ein Riese vom Himmel fallen.


Alles vorbei?

von Julia Wallrabenstein, 13 Jahre, Bad Homburg

Ich weiß es noch ganz genau. Es war der 3. Februar, an dem das Unerklärliche geschah. Der Tag fing gut an, auch deshalb, weil mein Bruder auf dem Weg ausrutschte. Jetzt hatte er keine Lust mehr, mir die ganze Zeit zu erklären, wie dämlich ich sein kann, sondern beschwerte sich lautstark über seine Schuhe, den Weg und „dem miserablen“ Wetter. Ich konnte nur den Kopf schütteln und lachte in mich hinein. Insgeheim tat er mir schon leid, aber die Belustigung über sein Ungeschick war demnach größer.

Auch in der Familie lief alles super, dass eigentlich nichts mehr schief gehen könnte. Es war Neujahr in China, deswegen war meine Mutter gut gelaunt. Mein Vater musste heute nicht arbeiten und war schon zu Hause. Des Weiteren ist Chemie entfallen, so konnten wir – die Klasse – ca. 2 Stunden früher nach Hause gehen. Da habe ich mich auf den großen Abend in der Schule vorbereitet. Um 5 Uhr wurden wir zum Tennistraining gebracht. Dieser Sport ist wirklich schön und wird mir bestimmt auch lange noch Spaß machen.

Danach kam ich richtig gut gelaunt nach Hause und wusch mich erst mal. Noch schnell die Schwarz-Weiß-Kleidung anziehen, und schon musste ich los. Ich war ein wenig zu spät in der Schulaula, aber es war nicht schlimm. Wir „ritten“ unser Konzertprogramm durch und übten das richtige Verbeugen, Hinsetzen und Stimmen. Ich war sehr aufgeregt, aber das legte sich durch die längere Pause, als die Zuhörer kamen und wir (meine Freundinnen und ich) uns mit Quatschen die Zeit vertrieben. Als wir uns dann in dem Vorbereitungsraum versammeln sollten, ging eine allgemeine Aufregung durch. Die Bläser hatten als Erste Aufführung, von der wir nicht viel mitbekamen. Nachdem wir – das Orchester – aufgerufen wurden, musste ich tief Luft holen. Gedanken wie: – Hatte ich genug geübt – gingen mir, wie jedes Mal vor einem Auftritt, durch den Kopf. Obwohl ich eigentlich gar keinen Grund hatte, aufgeregt zu sein, weil ich doch sowieso bei den 3. Geigen hinten spielte. Da hörte mich doch sowieso keiner, das musste doch langweilig werden – dachte ich. Diese verwirrenden Gedanken verursachten eine seltsame Enttäuschung und Trauer in mir, da ich doch so gerne Geige spiele und meiner Ansicht nach auch ganz gut spiele. Jedoch musste ich zugeben, dass ich neu im Orchester war und es musste doch klar sein, dass ich nichts anderes zu erwarten hatte. Ich musste mich konzentrieren. „Nicht vom Thema abschweifen“, sagte ich mir. Nach dem Stimmen der Instrumente kam das erste Stück von Carmen.

Ich legte den Bogen an und schaute auf unseren Dirigenten. Mein Herz pochte heftig und ich musste schlucken. „Ja nicht zu früh anfangen“, sagte ich mir. „Das würden alle hören“. Der Dirigent holte Luft und hob den Dirigentenstock. Mir wurde mulmig zumute. Der Stock fiel, und ich? „Gut“, dachte ich, mehr nicht.

Da geschah es.

Das Geigenspiel fiel mir nach den ersten Tönen aus einem ungewissen Grund plötzlich leicht, und es machte Spaß! Die Trauer war wie weggeblasen. Es war ein Gefühl der Unbeschwertheit und des Glücks, als ob ich die Lieder das erste Mal hören würde. Ich sah den Glanz und die Entschlossenheit in allen Augen. Was das war, war die andere Seite der Medaille. Hätte ich aufgehört zu spielen, hätte ich wahrscheinlich die Augen geschlossen und wäre eingeschlafen. Das Gefühl war fremd, und doch so vertraut, wie Angst vor dem Fallen, und dann doch die Freude am Schweben. Ich verlor das Zeitgefühl ganz und gar, es klang nur noch die liebliche Musik ohne jegliche Grenzen, die Zuschauer traten in den Hintergrund, ich nahm sie gar nicht mehr richtig wahr. Ich weiß noch, dass meine Augen
von der traumhaften Musik ein wenig feucht wurden, jedoch es behinderte mich nicht. Man hätte sich diesen Augenblick nicht schöner vorstellen können. Dennoch war es seltsam und ein wenig beängstigend von diesem Gefühl eingeholt zu werden.

Heute habe ich auch endlich den Sinn der Lieder verstanden, die der Vorleser des Carmen-Werkes mit den traurigen und fröhlichen Bedeutungen der einzelnen Lieder vorgestellt hat. Ich hatte nun viel Stoff zum Nachdenken.

Nach dem Konzert war ich schon ein wenig traurig, da jetzt erst der Spaß und die wirklich wahre Freude am Zusammenspiel hervorkamen, jedoch gab es eine Zugabe vor dem Ende. Und es kam noch besser. Alle die mitgespielt hatten, mussten am nächsten Tag erst zur 3. Stunde in die Schule. Musste dies nicht ein wunderschöner Tag werden?

Zu Hause ließ ich das Glücksgefühl noch einmal durch mich hindurch und musste lächeln. Wie unbeschwert man doch sein kann... Was wäre, wenn ich nicht da gewesen wäre, wenn ich zu spät gekommen wäre? Dieses kleine, anscheinend unbedeutende, für ewig bleibende Licht in meiner Seele wäre nicht da. Ich wollte mir die Aufnahmen von dem schönsten Konzert in meinem Leben bisher noch mal ansehen, doch darauf folgte ein harter Schlag. Das mit dem Aufnehmen hatte leider nicht geklappt. Aber was machte das schon, wenn man das alles für immer im Herzen schon aufbewahrt?


Preisträger „Grüner Lorbeer®“ 2011
Thomas Merke, 14 Jahre, Wiesbaden
Ganz nach oben

Ida Merit Müller, 12 Jahre, Korbach
Andi und ich

Hanka Fritz, 12 Jahre, Ober-Ramstadt
Der Weg der Geschichte

Annika List, 14 Jahre, Lauterbach
Lautlos Schreien

Julia Wallrabenstein, 13 Jahre, Bad Homburg
Alles vorbei?

Julia Kanning, 13 Jahre, Schlossborn / Glashütten
Springen – oder nicht?

Jasmin Jäger, 14 Jahre, Lauterbach
Das Klingelzeichen

Magdalena Adams, 14 Jahre, Gernsheim
Musk

Carola Jendrzok, 13 Jahre, Bad Homburg v.d. Höhe
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

Deliah Weiß, 14 Jahre, Langen
Wenn die Flocken fallen...

Alle Preisgeschichten wurden auf der Internetseite der Eckenroth Stiftung veröffentlicht:
www.eckenroth-stiftung.de/gruener_lorbeer/preistraeger2011.php

Nachwuchspreis Grüner Lorbeer®
Der Schreibwettbewerb für Schülerinnen und Schüler zwischen 10 und 14 Jahren wird seit 1998 jährlich ausgeschrieben, 2011 nach 1999 und 2006 bereits zum dritten Mal in Hessen. Den Preiträgern wird eine Einstiegsmöglichkeit in das Förderprogramm der Eckenroth Stiftung geboten. Das Preispaket enthält die Veröffentlichung der Geschichten auf den Internetseiten der Eckenroth Stiftung, ein Hörbuch in englischer Sprache, ein Besuch im Goethe-Haus in Frankfurt, ein erster Lorbeerzweig und 50 Euro in bar. Schreibtraining, Unterbringung, Verpflegung und Betreuung sowie die Kosten für das Preispaket finanziert die gemeinnützige Stiftung aus Spenden.

Eckenroth Stiftung für Medienkultur
Die Eckenroth Stiftung für Medienkultur wurde 1993 als gemeinnützige Stiftung gegründet und hat sich seit 1998 auf die Förderung von Nachwuchsautorinnen und -autoren spezialisiert. Derzeit (September 2011) werden 22 junge Talente, die das Schreiben regelmäßig in Eckenroth trainieren, gefördert. Das authentische, glaubwürdige, wahrhaftige Erzählen menschlicher Geschichten bildet das Zentrum der Methode, die vermittelt wird. Mit erprobten Übungen werden Gedächtnis und Beobachtungsgabe, Ausdruckskraft und Gestaltungswille geschärft. Die Finanzierung der Ausbildung und Förderung erfolgt durch Spendenbeiträge. Seit 2010 verfügt die Stiftung über ein eigenes Schreibhaus in Eckenroth.

Kontakt:
Philip W. Berghoff
Eckenroth Stiftung für Medienkultur
Soonwaldstrasse 4 - 5A
55444 Eckenroth
Tel.: (06724) 8400
E-Mail: berghoff@eckenrothstiftung.de
Internet: www.eckenroth-stiftung.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de