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Bericht

ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule

29.04.2011

Leseförderung in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern




Titelseite der Publikation
Titelseite der Publikation
© Auer Verlag 2010
Im Rahmen des KMK-Projekts ProLesen, an dem sich von 2008 bis Juli 2010 alle Bundesländer mit rund 140 Projektschulen beteiligten, wurden Konzepte und Materialien für alle Schularten und Fächer der Primar- und Sekundarstufe sowie für den Übergang von der Hauptschule zum beruflichen Schulwesen gesammelt, gesichtet, überarbeitet und neu entwickelt. Die systematische Entwicklung und Profilbildung einer „Leseschule“ stand dabei ebenso im Mittelpunkt wie die Leseförderung im fächerübergreifenden Projektunterricht oder in Zusammenarbeit mit außerschulischen Akteuren der Leseförderung wie den öffentlichen Bibliotheken.

Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus sowie das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) in München, unter deren Federführung ProLesen durchgeführt wurde, haben Ende 2010 einen umfänglichen Band mit Aufsätzen und Materialien aus dem KMK-Projekt herausgegeben, der vielfältige Anregungen für die Unterrichtspraxis und Schulentwicklung bietet. Teil I enthält grundlegende Beiträge einschlägig ausgewiesener Experten zu aktuellen Fragen der Leseförderung, im zweiten Teil werden die Möglichkeiten einer fachspezifischen Leseförderung am Beispiel ausgewählter gesellschaftswissenschaftlicher Fächer veranschaulicht. Dass selbst in Mathematik das Lesen gefördert werden kann und sollte, zeigt der abschließende Beitrag, der auf Zusammenhänge zwischen der Leseleistung und den Leistungen in Mathematik oder den Naturwissenschaften aufmerksam macht.

Wir veröffentlichen nachfolgend das Vorwort der Projektleitung. Alle Beiträge des Bandes stehen mit freundlicher Genehmigung des Auer Verlags auch online zur Verfügung. Im Bereich „KMK: ProLesen“ des Internetauftritts des LESEFORUMS BAYERN können darüberhinaus auch weitere Publikationen und Informationen aus dem Projekt abgerufen werden.

Vorwort der Projektleitung
„Insgesamt zeigen die Befunde in allen Ländern, dass die Vorgaben der KMK-Regelstandards im Fach Deutsch von erheblichen Schüleranteilen erreicht werden. In einigen Ländern zeigen sich allerdings im Lesen Quoten von über 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die Mindeststandards nicht erreichen. Dies steht im Einklang mit den Befunden vergangener Ländervergleiche im Rahmen von PISA […] und weist darauf hin, dass Leseförderprogramme nach wie vor hohe Relevanz besitzen.“

So das Fazit der eben erschienenen Studie „Sprachliche Kompetenzen im Ländervergleich“, die die Befunde des ersten Ländervergleichs zur Überprüfung der 2003/04 vereinbarten KMK-Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss in den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch zusammenfasst und analysiert.1 Erneut werden dabei neben auffälligen regionalen Unterschieden deutliche Geschlechterdifferenzen ausgemacht und soziale Disparitäten hervorgehoben, die den Kompetenzerwerb und die Bildungsbeteiligung der Schüler in Deutschland nach wie vor erheblich beeinflussen.

ProLesen: Selbstverständnis, Handlungsfelder, Ausblick
Das KMK-Projekt „ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule. Konzepte und Materialien zur Leseförderung als Aufgabe aller Fächer“ (kurz: ProLesen), an dem sich von 2008 bis Juli 2010 alle Bundesländer mit rund 140 Projektschulen beteiligten, erscheint vor diesem Hintergrund hochaktuell und bestens dazu geeignet, die seit dem ersten PISA-Schock von den Ländern eingeleiteten Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung der Schulen in Deutschland zu unterstützen.

ProLesen begreift die Förderung der Lesekompetenz in der Unterrichtssprache Deutsch als eine zentrale schulische Aufgabe und daher als eine Aufgabe aller Fächer. Hierzu wurden für alle Schularten und Fächer der Primar- und Sekundarstufe sowie für den Übergang von der Hauptschule zum beruflichen Schulwesen Konzepte und Materialien gesammelt, gesichtet, überarbeitet und neu entwickelt. Der Aspekt einer systematischen Schulentwicklung und Profilbildung in Richtung „Leseschule“ stand dabei ebenso im Mittelpunkt wie die Leseförderung im fächerübergreifenden Projektunterricht oder in Zusammenarbeit mit außerschulischen Akteuren der Leseförderung wie den öffentlichen Bibliotheken.

Die besten Unterrichtsbeispiele, die während des Projekts erarbeitet wurden, werden ab Herbst 2010 nach Fächern und Jahrgangsstufen geordnet und nach Kriterien der Leseförderung verschlagwortet und schrittweise auf dem Innovationsportal des Deutschen Bildungsservers allen Schulen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Für die Erstellung eines darauf abgestimmten Handbuchs zur Leseförderung konnten erfreulicherweise Frau Prof. Dr. Garbe und PD Dr. Karl Holle von der Universität zu Köln und der Leuphana Universität Lüneburg gewonnen werden, denen im Herbst 2009 von der Projektleitung die wissenschaftliche Evaluation von ProLesen übertragen wurde.

Nach Abschluss des bundesweiten Projekts liegt es nun an den einzelnen Ländern, die Ergebnisse von ProLesen durch geeignete Maßnahmen in der Lehrerfortbildung in die Breite zu tragen und für ihre Nachhaltigkeit zu sorgen. Die ProLesen-Projektschulen werden dabei mit ihren Erfahrungen und dem während des Projekts gewonnenen Know-how eine große Hilfe sein.

ProLesen: Genese, Aufbau und Impulse
Das KMK-Projekt ProLesen versteht sich als Beitrag zur Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung der Schulen in Deutschland, für die die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder am 5./6. Dezember 2001 sieben Handlungsfelder benannte. Der Auftrag zur Ausarbeitung des Konzepts an das Bundesland Bayern erfolgte am 10./11.03.2005 auf der 309. Plenarsitzung. Der wenige Monate später vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München (ISB) vorgelegte Projektplan wurde danach mehrmals optimiert, u. a. aufgrund der Anregungen der Steuerungsgruppe „Gemeinsame Projekte der KMK“.

Ausgangspunkt von ProLesen war die ISB-Studie „Leseförderung nach PISA“ vom Januar 2005, der nach Beginn des Projekts eine laufend ergänzte und nach Fächern und Bereichen gegliederte Bibliographie zur Seite gestellt wurde. Wesentliche Impulse sind des Weiteren der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Auftrag und Mitte 2005 der Öffentlichkeit vorgestellten „Expertise – Förderung von Lesekompetenz“ geschuldet, die am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung koordiniert wurde und den aktuellen Stand der nationalen und internationalen Leseforschung zusammenfasst, Problembereiche und Handlungsfelder der Leseförderung definiert und vielfältige Förderperspektiven skizziert.

Lesen wird von der „Expertise“ konstruktivistisch als subjektgeleiteter Vorgang aufgefasst. Der Aktivierung von Vorwissen und der Vermittlung von Lesestrategien und von Methoden der Verstehensüberwachung und Selbststeuerung kommt deshalb eine ebenso hohe Bedeutung zu wie dem Training basaler Lesefertigkeiten und dem Aufbau eines positiven Selbstkonzepts als Leser unter Berücksichtigung der Besonderheiten der von PISA identifizierten „Risikogruppen“. Weitere Ausführungen betonen den hohen Stellenwert der Anschlusskommunikation, des professionellen Austauschs in und zwischen den Fachschaften sowie der kontinuierlichen und strukturierten Kooperation zwischen schulischen und außerschulischen Akteuren der Leseförderung, der Elternarbeit im Besonderen. Kapitel IV ermöglicht den Blick auf aktuelle Projekte und Ansätze zur Leseförderung in den Ländern.

Die Akteure von ProLesen waren in erster Linie Lehrkräfte an den Projektschulen, deren Auswahl und Zielführung in der Verantwortung der jeweiligen Länder stand. Leitung und Koordination des Gesamtprojekts oblagen dem Freistaat Bayern und wurden gemeinsam vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus (Ref. III.4) und dem Arbeitsbereich „Leseförderung und Schulbibliotheksarbeit“ im Referat „Medienbildung“ in der Grundsatzabteilung des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) ausgeübt. Zur Durchführung des Projekts wurde in Deutschland und in den Ländern ein Netzwerk mit Länder- und Modulverantwortlichen aufgebaut, das sowohl eine effiziente Organisation sicherstellte als auch eine inhaltliche Qualitätskontrolle gewährleistete. Als Kommunikationsplattform diente eine auch aus urheberrechtlichen Gründen geschlossene Internetplattform.

Um einen kontinuierlichen und spiralcurricularen Aufbau der Lesekompetenz zu erreichen, mussten insbesondere die Schnittstellen am Übergang vom Kindergarten zur Grundschule und von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen analysiert werden, wo sich bei vielen Lehrkräften ein unübersehbarer Nachholbedarf in Theorie und Praxis der Leseförderung zeigte. Ganz offensichtlich hatte man diesen Lernbereich bislang vernachlässigt oder eindimensional durch die Organisation eventorientierter Einzelmaßnahmen (Lesenächte, Autorenlesungen o. Ä.) interpretiert.

Eine im Anschluss an die aktuelle Leseforschung theoretisch begründete und systematisch konzipierte Leseförderung im oben beschriebenen Sinn musste demnach erst erlernt werden, um einen methodisch reflektierten, standard- und kompetenzorientierten Umgang mit Texten, den sog. kontinuierlichen (Sachtexte und literarische Texte) wie den diskontinuierlichen (Schaubilder, Statistiken, Diagramme etc.), entwickeln zu können. Hinzu traten die Herausforderung des Umgangs mit zunehmend heterogenen Leistungsgruppen durch ein Mehr an individueller Förderung sowie die Steigerung der Diagnose- und Förderkompetenz.

Zum vorliegenden Band
Der vorliegende Band möchte möglichst viele Lehrkräfte, Schulleiter, Mitarbeiter in der Lehrerfortbildung sowie Angehörige aller Ebenen der Schuladministration auf das KMK-Projekt ProLesen aufmerksam machen, um dadurch zur Umsetzung seiner Konzeptionen und Unterrichtsvorschläge beizutragen:

Teil I enthält hierzu acht Beiträge, die im Rahmen von ProLesen entstanden und Problemfelder sowie Möglichkeiten einer aktuellen Förderpraxis deutlich machen. Der thematische Bogen ist weit gespannt und reicht von der Förderung leseschwacher Schüler mit und ohne Migrationsgrund im Rahmen einer systematischen Schulentwicklung (Richard Sigel) über die Vorstellung diagnostischer Verfahren (Karl Holle) und von Methoden und Konzepten eines ganzheitlichen Leseförderprogramms (Jona Jasper) bis hin zur Förderung der Lesemotivation im Rahmen eines geschlechtersensiblen Unterrichts (Margit Böck). Vorangestellt wurde der grundlegende Aufsatz von Cordula Artelt und Tobias Dörfler „Förderung von Lesekompetenz als Aufgabe aller Fächer. Forschungsergebnisse und Anregungen für die Praxis“, dessen erste Fassung den ProLesen-Projektschulen als Orientierungsrahmen und Leitlinie diente. Den Schluss bilden zwei Aufsätze von Christine Garbe und dem Leitungsteam des EU-Projekts ADORE, die anhand von Beispielen Gelingensbedingungen einer erfolgreichen Förderpraxis thematisieren, sowie eine differenzierte Auswahlbibliographie aktueller deutschsprachiger Publikationen zur Leseförderung.

Teil II der Publikation dokumentiert die Referate und Workshops der ProLesen-Fachtagung „Leseförderung in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächer“ an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen (ALP) vom 21. bis 23. September 2009, bei der sich 80 Lehrkräfte in fünf parallelen Arbeitsgruppen mit den Möglichkeiten der Leseförderung in den Fächern Geschichte (Angelika Schmitt-Rößer), Geografie (Max Huber/Bernd Stallhofer), Wirtschaft und Recht (Kerstin Vonderau) sowie Ethik (Anita Rösch) auseinandersetzten.2 Ausgehend von den Ergebnissen des POWIS-Projekts zum Zusammenhang von politischem Wissen und Sprachkompetenz bei Schülern mit und ohne Migrationshintergrund sowie den Ergebnissen eines einschlägigen Pilotprojekts mit Drittklässlern wurden unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Goll Methoden der Leseförderung im Bereich der Politischen Bildung vorgestellt und besprochen, darunter auch das Lesen von Bildern.

Den Auftakt der Veranstaltung bildeten Vorträge von Prof. Dr. Cornelia Rosebrock („Sachtextlektüre unterstützen. Leseförderung in Wissensdomänen“) und Jona Jasper („Lesen macht schlau – Textverstehen in allen Fächern. Methoden und Konzepte eines ganzheitlichen Leseförderprogramms“). Am Abend des 22. Septembers las der bekannte Jugendbuchautor und Schulleiter Dr. Harald Parigger aus seinen Werken und diskutierte mit dem Publikum über die Möglichkeiten der Leseförderung mit historischen Jugend- und Jugendsachbüchern – ein Aspekt der im vorliegenden Band im Beitrag von Monika Christiane Rox-Helmer aufgegriffen und vertieft wird.

Teil III des Buches richtet den Blick bewusst auf ein Fach, das in der Vergangenheit die Aufgabe der Leseförderung allenfalls in Ansätzen wahrnahm. Der Aufsatz des Münchener Fachdidaktikers Christoph Hammer beschäftigt sich mit der Rolle von Texten im Mathematikunterricht und vertritt einen umfassenden Förderansatz, in dem Lesen, Schreiben und Sprechen und die mathematische Schlüsselqualifikation des „Modellierens“ in einem engen Zusammenhang gesehen werden. Gleichzeitig wird mit Blick auf die Ergebnisse der PISA-Studien auf deutliche Korrelationen zwischen den Bereichen „Lesen“, „Mathematik“ und „Naturwissenschaften“ hingewiesen. Gute Leseleistungen führen demnach auch zu guten Leistungen in den anderen genannten Bereichen – und umgekehrt.

Alle hier versammelten Beiträge unterstreichen die Bedeutung von Lesekompetenz und Lesemotivation für das schulische Lernen und den Schulerfolg, der entscheidende Weichen für den weiteren Lebensweg der Schüler stellt. Den von PISA identifizierten sog. Risikogruppen kommt dabei ein besonderes Interesse zu.

Autoren:
Dr. Ulrich Kanz M. A., Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB)
Hermann Ruch, Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB)
Martin Sachse-Weinert, Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

Publikation:
Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus / Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Hrsg.):
ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule. Leseförderung in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern. Aufsätze und Materialien aus dem KMK-Projekt „ProLesen“
Donauwörth: Auer Verlag 2010, brosch., DIN A4, 320 S., 24,90 €
ISBN 974-3-403-06646-0; Best.-Nr. 06646

Kontakt:
Hermann Ruch, StD
Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB)
Schellingstr. 155
80797 München
E-Mail: hermann.ruch@isb.bayern.de
Internet: www.leseforum.bayern.de

Anmerkungen:
1 Olaf Köller u. a.: Der Blick in die Länder. In: Olaf Köller, Michel Knigge und Bernd Tesch (Hrsg.) (2010): Sprachliche Kompetenzen im Ländervergleich. Münster u. a.: Waxmann. S. 107–176, Zitat S. 175. Eine Zusammenfassung der Studie, die auf bundesweiten Erhebungen 2008 und 2009 basiert, bei denen über 36.000 Schüler der 9. Jahrgangsstufe getestet wurden, ist im Internet auf den Seiten des von der Kultusministerkonferenz 2003 ins Leben gerufenen und an der Berliner Humboldt-Universität eingerichteten Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) abrufbar. Die Ländervergleiche des IQB ersetzen in Zukunft die PISA-Ergänzungsstudien (PISA-E).

2 Die Dillinger Tagung war die dritte ProLesen-Fachtagung nach „Leseförderung im naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterricht“ (Berlin, 10./11. Februar 2009) und „Leseförderung an der Grundschule“ (Bremen, 23./24. März 2009). Zusätzlich sorgten nicht weniger als acht Länderworkshops während der Projektlaufzeit für den erforderlichen theoretischen Input und den allfälligen Kommunikationsfluss.
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