Schülertext

Mein eigenes Meer - Wenn der Wohnort zum Stigma wird

14.02.2011

Siegertext des Schreibwettbewerbs zum Thema „Helfen“




Titelseite des Buches
Titelseite des Buches
© Initiative „Kinder machen“

„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“ steht auf den Urkunden, die den Gewinnerinnen und Gewinnern des Schreibwettbewerbs der Initiative „Kinder machen“ überreicht wurden. Das Zitat von Mark Twain soll die jungen Autorinnen und Autoren ermutigen, auch weiterhin dem Schreiben treu zu bleiben. Mehr als 200 Kinder und Jugendliche aus der ganzen Bundesrepublik hatten Geschichten zum Thema „Helfen“ eingereicht – eine Auswahl davon wurde in dem Buch „Kinder machen.Geschichten“ veröffentlicht. „Das Thema des Schreibwettbewerbs – „Helfen“ – ist gut gewählt“, schreibt Bundestagsvizepräsident Dr. Hermann Otto Solms in seinem Grußwort an die Leser des Buches. „Schließlich unterscheidet die Gabe, einer anderen Kreatur Hilfe leisten zu wollen und zu können, den Menschen vom Rest der Schöpfung. Dazu ist es notwendig, dass er erkennt, wenn jemand Hilfe benötigt, um auf die Erkenntnis Taten folgen zu lassen.“
Wir veröffentlichen nachfolgend den Text von Lisa Kröll aus Osterhofen, die in der Gruppe der 15- bis 18-Jährigen einen der drei ersten Plätze gewann.

Mein eigenes Meer - Wenn der Wohnort zum Stigma wird
Berlin – Neukölln. Ein Name, der wie kaum ein anderer für Kriminalität, Armut und Hoffnungslosigkeit steht und untrennbar mit dem Begriff „sozialer Brennpunkt“ verflochten zu sein scheint. Gründe dafür sind nicht nur die hohen Arbeitslosenraten und die alarmierende Zahl jugendlicher Schulabbrecher, sondern auch die Verwahrlosung ganzer Straßenzüge. Was es heißt, als kleines Kind dort zu wohnen und aufzuwachsen, ist schwer vorstellbar, da –

Hier endete der kleine Fetzen Zeitungspapier, der noch kurz zuvor durch den Wind geflattert war wie ein bunter Schmetterling. Dieser Schmetterling war jetzt mein Freund und ich hatte ihn ganz gelesen, vom ersten bis zum letzten Buchstaben. Manche Wörter konnte ich nicht wirklich verstehen, vielleicht auch gar nicht. Zum Beispiel das Wort „Stigma“. Was ist das, ein Stigma? So etwas wie ein Stiefel? Ich hatte auch ein Paar Stiefel, sie waren rot und aus Gummi. Die gelben Sonnenblumen auf den Außenseiten waren schon fast ganz verschwunden und die Stiefel waren auch ein bisschen zu klein, eigentlich sehr, aber ich mochte sie, sie glänzten so schön und das kalte Regenwasser kam auch fast gar nicht bis zu meinen Zehen durch, wenn ich sie trug. Nachdem ich ein bisschen über meine Stigma-Stiefel nachgedacht hatte, sah ich wieder auf den Schmetterling. Er war nicht wieder weggeflattert, ich glaube, er mochte mich genauso wie ich ihn.
„Was es heißt, als kleines Kind dort zu wohnen und aufzuwachsen, ist schwer vorstellbar, da - “. Da was? Es war doch ganz klar, dass es schlimm war dort, mit der ganzen Kriminilität und den Jugendlichen, die nicht mehr in die Schule wollten. Und wenn ein ganzer Straßenzug sich weigerte, zur Wahl zu gehen, dann musste die Regierung bestimmt traurig sein, weil sie keine Stimmen bekommen hatte und sich unbeliebt und allein fühlte. Deshalb wollte ich auch nicht versuchen, Klassensprecher zu werden. Ich mochte Traurigkeit nicht besonders.
Es war doch leicht, sich das alles vorzustellen. Die armen Kinder dort taten mir leid.
Bei uns war das zum Glück anders. Meine Mutter sagte zwar auch manchmal Neukölln zu unserem Haus, aber nur, weil sie früher in Köln gewohnt hatte und dort so glücklich gewesen war und ihr neues Zuhause ihr genauso gut gefiel wie ihr altes. Mama war nämlich ziemlich schlau und machte aus zwei Wörtern einfach eines und erfand dadurch ein ganz neues. Wenn ich ihr sagen würde, dass sogar mein Schmetterling schon von ihrer Erfindung gehört hatte, wäre sie bestimmt ganz stolz und aufgeregt. Aber erst musste ich meinen neuen Freund ein wenig herumführen, er kannte sich ja noch nicht richtig aus.
„Das ist mein Zuhause. Siehst du die vielen Schatten um uns herum? Das sind Monster, weißt du, du musst aber nicht aufpassen, sie sind brav und gut und meine Freunde. Denn manchmal, wenn Männer kommen und sich in sie hineinsetzen, machen die Monster ganz seltsame Geräusche, sie sind laut und rennen schnell herum und dann kommt Rauch aus ihnen heraus, schwarzer, stinkender Rauch. Dann musst du dich einfach trauen. Beeil dich und flieg so schnell du kannst hinein. Auch wenn es sich gefährlich anhört, tu es einfach. Du wirst merken, dass der Rauch eigentlich Feenstaub ist und dich verzaubert und wärmt, von innen. Und wenn du die Augen ganz fest zukneifst, darfst du dir etwas wünschen und dann geht es in Erfüllung. Glaubst du mir nicht? Ich kann es dir beweisen. Einmal habe ich die Augen zugemacht und mich in den Feenstaub gestellt und mir gewünscht, das Meer zu sehen, die Wellen und Schiffe und Muscheln, und den warmen Sand unter meinen Füßen zu spüren. Ich habe es mir so sehr gewünscht, dass ich abends nicht einschlafen konnte und ein bisschen weinen musste, aber nur, weil meine Tränen so schön salzig schmeckten, genau wie das Meerwasser. Und dann ist mein Vater gekommen und hat mir ein Schlaflied vorgesungen, ganz, ganz laut. Als ich dann immer noch nicht einschlafen konnte, hat er mich so fest umarmt und geschüttelt, dass ich zuerst dachte, er wolle mir wehtun. Aber am nächsten Morgen waren meine Arme ganz blau und da hab ich ihn gesehen, den Zauber. Kannst du dir das vorstellen, da war ein Meer auf meinen eigenen Armen! Papa hatte mir ein Meer geschenkt und es war immer bei mir und tat fast nicht weh. Es veränderte sogar seine Farbe und sah wunderschön aus. Papa hat es mir geschenkt, obwohl er eine seltsame Krankheit hat, denn er hat immer Durst. Haben Schmetterlinge eigentlich Durst? Kannst du dir das vorstellen? Ich bin auch manchmal durstig und hungrig, aber mein Vater muss immer eine Flasche bei sich haben und trinken. Doch wenn er genug getrunken hat, wird er fröhlich und singt ganz laut mit meiner Mutter. Sie kennen viele verschiedene Lieder, für jeden Abend ein anderes. Einmal hat Mama gesungen, dass Papa so blau sei, dass er seine eigene Frau nicht wiedererkenne und da hat mein Vater sich gefreut und hat mit Mama herumgetollt, sie haben geschrien und gelacht und am Ende hatte meine Mutter Meer im ganzen Gesicht. Papa hatte auch sie blau gemacht und ihr das Meer geschenkt, weil er ihr zeigen wollte, dass er sie schon noch erkannte und auch ihr die Wellen zeigen wollte und die Schiffe und den Sand. Da hat Mama die ganze Nacht vor Freude geweint und während ihr Gesicht immer blauer wurde und die salzigen Tränen unaufhörlich über ihre Wangen flossen, konnte ich die Wellen nicht nur sehen, sondern auch riechen. Von da an zeigte uns Papa fast jeden Tag das Meer. Ich mag es nur nicht, wenn er es mir immer auf die gleiche Stelle schenkt, das tut dann doch ein bisschen weh. Aber das macht er nicht oft, mein Vater ist sehr umsichtig, weißt du?
Es gibt aber etwas, das mich traurig macht. Ich glaube nämlich, Papa hat meine Mutter angesteckt. Sie muss jetzt auch ganz viel trinken und manchmal redet sie so wie mein Vater, dann zieht sie die Wörter so seltsam in die Länge, dass ich sie fast nicht mehr verstehe. Ich glaube, das kommt davon, dass sie so durstig wird und eine ganz trockene Kehle bekommt und nicht mehr sprechen kann. Dann kann sie mir natürlich auch nicht vorlesen, aber das ist nicht schlimm, weil ich ihr dann vorlese. Und das entspannt sie so sehr, dass sie einschläft, am Tisch, auf dem Teppich, überall. Dann kuschele ich mich ganz nah an sie heran und lege ihren Arm über mich und sie riecht immer ein bisschen nach Hustensaft, weil sie ja krank ist. Manchmal muss sie so viel Hustensaft trinken, dass sie ihn wieder ausspuckt und dann putze ich es weg. Zum Dank darf ich ihr dann am nächsten Abend noch einmal vorlesen und wenn wir Glück haben, hat uns Papa dann sogar wieder ein bisschen Meer geschenkt und wir können es uns ansehen.
Kleiner Schmetterling, ich habe dir noch gar nicht erzählt, dass unser Haus Räder hat, oder? Wir könnten damit überallhin fahren, ins richtige Köln, oder, wenn wir wollten, sogar zu den Schiffen. Und das ohne unsere Sachen in Koffer zu packen. Wir haben nicht einmal Koffer, weil wir sie einfach nicht brauchen, wie findest du das?“
Plötzlich sah ich, wie eine dunkle Gestalt auf mich zukam, sie war gerade durch das Eingangstor unseres Parks geschritten und sah sich lange um. Wahrscheinlich war sie überwältigt von der Schönheit unseres Zuhauses, wie alle anderen, die noch nie zuvor hier gewesen waren und erst einmal verdutzt die Feenmonster und den Glitzerstaub bewunderten. Vielleicht war die Gestalt auch aus Überraschung stehen geblieben, da sie das Schild über dem Eingangstor gelesen hatte. Da stand nämlich in riesigen grauen Buchstaben „Schrottplatz“. Es war zum Schutz vor Dieben angebracht worden, das wusste ich. Denn wer schleicht sich schon auf einen Schrottplatz, um zu stehlen, auch wenn das Eingangstor noch so hübsch aussieht? Das war ziemlich schlau. Vielleicht war es Mamas Idee gewesen, sie ist ja sehr klug. Als die Person näherkam, erkannte ich, dass es eine Frau war. Sie war alt, steinalt - bestimmt schon dreißig - und trug einen knielangen Rock, eine weiße Bluse und eine Jacke, die genau zu ihrem Rock passte. Ich fand sie sehr hübsch, obwohl sie so alt war und ihr die nassen braunen Haare in die Stirn hingen. Fast hätte ich ihr meine roten Stigma-Stiefel angeboten, denn sie hatte anscheinend große Angst davor, unseren schönen grünen Rasen mit ihren hohen Stöckelschuhen kaputtzumachen. Gerade als ich mich mit meinem Freund in den Schatten eines riesigen Monsters zurückziehen wollte, um auf ein bisschen Feenstaub zu warten, bemerkte ich, dass die Frau zu mir wollte. Wahrscheinlich hatte sie von den Zauberkräften meines Vaters gehört, der das Meer zu jedem bringen konnte und wünschte sich jetzt auch ein kleines Stückchen davon. Jetzt stand sie direkt vor mir und ich bemerkte ihre grünen Augen. Ich hatte noch nie so schöne Augen gesehen, sie waren grau am Rand und wurden dann so grün, dass sie leuchteten. Ich erinnerte mich, einmal ein Wort gehört zu haben, das fast so schön war wie ihre Augen. Saphir. Ja so hieß es. Ich musste es ihr sagen.
„Sie haben Saphir-Augen.“
„Findest du? Die meisten Menschen sagen, meine Augen seien grün.“
Ich lächelte. Anscheinend wusste sie nicht, was Saphir bedeutete, aber ich wollte nicht überheblich sein. „Ich finde sie jedenfalls saphir. Aber das hat nichts mit Stigma zu tun, falls es das ist, was Sie meinen.“ Die Frau sah ein bisschen irritiert aus, hielt mir aber die Hand hin und stellte sich vor. Leider konnte ich ihr nicht zuhören, da mein Schmetterlingsfreund genau in diesem Moment davon flatterte, einfach so, ohne sich zu verabschieden. Vielleicht wollte er auch anderen von traurigen Regierungen und Wohnorten, die Stiefel sind, erzählen. Ich war ein bisschen wütend auf ihn, aber die alte Frau lenkte mich ab.
„Ich bin vom Jugendamt. Wir… Wir helfen Familien, weißt du? Und Kindern.“
„Das ist gut. Schnell, helfen Sie mir beim Suchen, mein Freund ist weggeflogen, er kann noch nicht weit gekommen sein. Aber vielleicht ist es besser, wenn er weiterflattert, sonst erfährt niemand mehr von Mamas Erfindung. Ich glaube, das würde sie traurig machen.“
„Ist sie denn oft traurig? Streitet sie mit deinem Vater?“, fragte die Frau.
„Nein, sie streiten nie. Sie haben sich lieb und scherzen miteinander.“
„Aber sie schreien doch bestimmt ganz laut.“ Ich verstand nicht, was sie von mir wollte.
„Nein, sie schreien nicht. Sie singen. Sie können das gut und sie kennen ganz viele verschiedene Lieder. Wenn Sie sie fragen, singen sie Ihnen bestimmt etwas vor.“
Sie sah mich von der Seite her an. „Seid ihr schon lange hier in Neukölln? Wohnst du schon immer im Wohnwagen auf diesem Schrottplatz?“
„Unser Haus hat Räder und Mama hat früher in Köln gewohnt. Das ist nicht wirklich ein Schrottplatz, das ist nur gegen Diebe.“ Ich musste lachen. Die Saphirfrau war wirklich nicht besonders klug.
„Du hast blaue Flecken auf deinen Armen. Warum?“ Anscheinend wollte sie etwas von mir lernen, weil sie viele Dinge nicht ganz verstand. „Hast du Angst vor deinem Vater? Tut er dir weh?“
„Nein, nein - er schenkt mir Meer. Mein eigenes Meer. Ich habe mir nämlich gewünscht, das Meer zu sehen und er hat es mir auf die Arme gezaubert. Und immer wenn es weggeht, bekomme ich ein neues Stückchen. Er muss mir ein bisschen wehtun, denn wenn man dabei weint, kann man das Meerwasser schmecken und riechen. Aber ich glaube, Papa mag Mama lieber als mich, er schenkt ihr nämlich mehr davon. Mehr Meer.“ Ich lächelte, doch die Frau sah jetzt ganz unglücklich aus. Ihre Saphir-Augen wanderten von Monster zu Monster, vom Schrottplatzschild zu unserem Haus auf Rädern. Warum machte sie das so traurig?
„Haben Sie das Meer etwa noch nie gesehen?“, fragte ich sie vorsichtig. „So toll ist es aber gar nicht“, log ich, um sie aufzumuntern.
„Das glaube ich dir. Wirklich.“ Sie sah mich an und es kam mir vor, als würde mich der Schein ihrer Augen durchdringen, durchleuchten. Sie nahm meine Hand in ihre.
„Ich will dir helfen. Darf ich dir helfen? Du hast dich selbst geschützt, so gut du konntest, aber ich will dir zeigen, dass man nicht weinen muss, um das Meer zu riechen. Dein Vater ist ein - ein böser Zauberer. Er tut euch weh. Lass mich dir und deiner Mutter helfen. Dein eigenes Meer muss nicht in einem Schrottplatz liegen, zwischen stinkenden Autos und Müll. Dort sollte es nur Palmen geben und warmen Sand. Dein eigenes Meer muss nicht wehtun. Glaub mir.“

Autorin: Lisa Kröll aus Osterhofen (18 Jahre)


Ein Buch für einen guten Zweck
Das Buch „Kinder machen.Geschichten“ enthält nicht nur die Geschichten des Schreibwettbewerbs, den die Initiative mit Unterstützung der Stiftung Lesen durchgeführt hat, sondern auch Anekdoten zu den verschiedenen Aktionen der Initiative „Kinder machen. Geschichten“, Detektivtipps von TKKG-Autorin
Corinna Harder, einen Beitrag von Detektiv Alexander Schrumpf, eine „Schreibhilfe“ von Redakteurin und Autorin Birgit Brauburger und auch einige Geschichten aus dem Schreibwettbewerb, die zwar nicht prämiert wurden aber dennoch genauso lesenswert sind. Zudem stellt die Sparda-Bank Hessen die Gewinner des SpardaSchreibwettbewerbs vor.
Die Initiatoren hoffen, dass das Buch möglichst viele Leserinnen und Leser findet. Jeder, der das 96-seitige Werk kauft, unterstützt damit die Kinderhilfsprojekte des DRK Münzenberg. Alle Einnahmen aus dem Buchverkauf gehen an das Deutsche Rote Kreuz Münzenberg, das damit Kinderhilfsprojekte in der Region finanziert.

Kinder machen.Geschichten
96 Seiten, farbige Abbildungen, Hardcover, cellophaniert
Kosten: 11 Euro
Bestellung: info@kinder-machen.de

Die Initiative „Kinder machen“
Mit Aktionen und Veranstaltungen unterstützt die private Initiative Kinder- und Jugendprojekte, unter anderem des DRK Münzenberg. Kinder und Jugendliche engagieren sich für benachteiligte Altersgenossen, indem sie eigene Projekte umsetzen und Spendengelder sammeln. Die Initiative gehört keinem Verein an und ist auch sonst völlig unabhängig. Nach einer Bastelaktion im Jahr 2007, an der sich rund 50 Kinder aus der Wetterau beteiligten, organisierte die Initiative die erfolgreichen Aktionen „Kinder machen. Zirkus“ (2008), „Kinder machen.Kunst“ (2009) und „Kinder machen.Geschichten“ (2010).

Kontakt:
Martina Schaba
Initiative „Kinder machen“
Backgasse 3
35516 Münzenberg
Tel.: (06004) 915335
E-Mail: info@kinder-machen.de
Internet: www.kinder-machen.de


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de