Bericht

Von Schafen im Vogelhaus, Traumbüchern und anderen Geheimnissen

17.12.2010

Eine Dezembergeschichte verbindet Jung und Alt




Die Gemeinschaftskrippe, © S. Brandt
Die Gemeinschaftskrippe, © S. Brandt

Lieder, Geschichten und Bücher bringen Alt und Jung in der Gemeinde Westoverledingen miteinander ins Gespräch. Angeregt durch die ostfriesische Erzählung von den „Schafen im Vogelhaus“ gestalten Kinder und alte Menschen in der Adventszeit gemeinsam eine Krippe, die von Tag zu Tag durch neue Figuren ergänzt wird und viele Besucher anzieht. Kindergartengruppen, Schulklassen und Familien beteiligen sich an der Erzählaktion der Gemeindebücherei.


Generationenübergreifende Geschichtenzeit
Der schon traditionelle kreative Ferien-Treffpunkt der Gemeindebücherei Westoverledingen für Kinder im Grundschulalter fand in diesem Herbst nicht wie gewohnt in den Räumen der Bücherei statt, sondern im Lindenhof, einem benachbarten Seniorenheim.
Die Geschichte vom „kleinen Tuk“, eine Variation zu einem Andersen-Märchen, stand bei dieser Premiere einer generationenübergreifenden Geschichtenzeit mit zehn Teilnehmenden im Alter zwischen 6 und 88 Jahren im Mittelpunkt - aus gutem Grund: Wenn es gilt, über Geschichten miteinander ins Gespräch zu kommen, sollten die dafür ausgewählten literarischen Stoffe

  • dem Alter der Kinder angemessen sein, aber  gleichzeitig die Bedürfnisse und Interessen der alten Menschen ernst nehmen,
  • konkrete inhaltliche Impulse bieten, um eigene Lebenserfahrungen miteinander auszutauschen,
  • Möglichkeiten der gemeinsamen kreativen Umsetzung bieten, die ggf. auch auf Einschränkungen der Mobilität und der Sinneswahrnehmungen Rücksicht nehmen (d.h. geeignete Mischung aus Impulsen, die das Hören, Schauen und feinmotorische Erfahren in unterschiedlicher Weise beanspruchen),
  • Emotionen ansprechen und ggf. Verknüpfungen mit Musik zulassen.

Lebendige Schilderungen aus der eigenen Kindheit
So bot die Geschichte vom kleinen Tuk Anlass, um einander aus dem Alltagsleben früher und heute zu erzählen: Wo bekamen die Leute im Dorf vor 80 Jahren das Wasser her? Wie beleuchteten sie ihre Stuben? Wo ging der Schulweg lang und was konnte unterwegs alles passieren?
Genau diese und ähnliche Fragen galt es vorab zu klären, um die Geschichte des kleinen Tuk in allen inhaltlichen Aspekten zu verstehen. Denn die Beschwernisse des Wasserholens am Brunnen und die Dunkelheit in den Häusern spielt dort eine wichtige Rolle und bekam nun dank der lebendigen Schilderungen der alten Menschen aus ihrer eigenen Kindheit für die teilnehmenden Kinder ein lebendiges und persönliches Gesicht.
Beim Hören der eigentlichen Geschichte, aufgelockert durch kleine Rätselverse, die in dieser Erzählvariante eingebaut sind und sich gemeinsam lösen lassen, erfuhren Jung und Alt, wie der kleine Tuk nachts sein Schulbuch unters Kopfkissen legte, in der Hoffnung, so quasi „im Schlaf“ das zu lernen, was er am Tage einfach nicht geschafft hatte. Da fängt er plötzlich an zu träumen…

Im Anschluss wurden dazu kleine „Traumbücher“ gestaltet, bei denen sich die Generationen gegenseitig zur Hand gingen: Hier half die eine beim Ausschneiden und dort konnte der andere zeigen, wie sich am besten eine Schnecke malen lässt. Viele Erinnerungen wurden beim gemeinsamen Tun wach. Bald entwickelte sich beim Malen ein lebendiges Gespräch über die eigene Schulzeit, zumal eine der Teilnehmerinnen einst dort Lehrerin war, wo die teilnehmenden Kinder heute zur Schule gehen. Ein gemeinsames Lied rundete den Vormittag ab.

Dezembergeschichte von den „Schafen im Vogelhaus“
Dabei sollen solche Veranstaltungen keine einmalige Aktion bleiben: In der Adventszeit geht es mit einer generationenverbindenden „Dezembergeschichte“ weiter, die Kinder und alte Menschen gemeinsam dazu anregt, rund um die ostfriesische Geschichte von den „Schafen im Vogelhaus“ eine „Gemeinschaftskrippe“ zu gestalten, die von Tag zu Tag durch neue Figuren ergänzt wird. Kinder und ihre Familien werden auf diesem Wege dazu eingeladen, den Lindenhof zu besuchen, um die Veränderungen an der Krippe im Verlauf der Wochen vor Weihnachten zu verfolgen. 24 Schulklassen und Kindergartengruppen beteiligen sich an der Erzählaktion. Damit sind wiederum rund 450 Menschen zwischen 3 und 90 Jahren an dem generationenverbindenden Geschichtenangebot der Bücherei beteiligt.

Gespräche und Begegnungen zwischen den Generationen
In Vorbereitungen und Absprachen zu solchen Angeboten sind sich Bücherei und Seniorenheime darin einig, dass es beim aktiven Einsatz von Geschichten und Büchern vorrangig um das beziehungsstiftende Gespräch und die Begegnung zwischen den Generationen beim gemeinsamen Tun gehen sollte. Die Bibliothek sieht sich dadurch vor die besondere Herausforderung gestellt, jeweils passende Geschichten und Bücher nach den oben aufgeführten Kriterien auszuwählen und so aufzubereiten, dass sich gemeinsame kreative Gestaltungsmöglichkeiten damit verbinden lassen.
Daneben wird die Gemeindebücherei ab Anfang 2011 ein besonderes Augenmerk auf die Möglichkeiten der Einbeziehung von Menschen mit Demenz durch Musik legen.
Im Rahmen des Förderprogramms „Leben von Menschen mit Demenz in der Kommune“, unterstützt durch die Aktion Demenz e.V., stehen hierfür Mittel der Robert Bosch Stiftung zur Verfügung, die eine spezielle Qualifizierung von Menschen vor Ort auf diesem Gebiet durch die Diplom-Musikpsychotherapeutin Heike Kellermann aus Berlin auch auf dem Lande möglich machen.
Ein ausgebauter Medienbestand als Praxishilfe für den Dialog zwischen Jung und Alt ist ein weiterer Baustein, mit dem sich die Bücherei auf diesem Gebiet engagiert.

Autorin:
Susanne Brandt
Gemeindebücherei Westoverledingen
Bahnhofstr. 18
26810 Westoverledingen
E-Mail: Susanne.brandt@westoverledingen.de
Internet: www.westoverledingen.de

Quellen:
Die Geschichte vom kleinen Tuk wurde entnommen aus:
Brandt, Susanne: Gefühle in allen Farben. Geschichten und Gedichte zur Sprachförderung
München, 2005, S.8-16

Die Geschichte „Schafe im Vogelhaus“ ist nachzulesen in:
Polaszewski, Anja (Hrsg.): Weihnachtslust... oder Weihnachtsfrust?
Berlin, 2010. ISBN 978-3981390315


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de